KI-Rechenzentrum der EU: Wien erwägt das Zurückziehen der Bewerbung
Es sollte eines der großen Prestigeprojekte Wiens in der laufenden Legislaturperiode werden: Die Stadt hat sich als Standort für ein riesiges KI-Rechenzentrum beworben. Die EU hatte zuvor angekündigt, fünf solcher „AI Gigafactories“ etablieren zu wollen – inklusive großzügigem Fördercall.
Die Rechenzentren sollten jeweils 100.000 Grafikprozessoren (GPU) beinhalten, weltweit gäbe es nur „zwei, drei Rechenzentren solcher Größenordnung“, wie es damals von der Wirtschaftsagentur hieß. Als Standort ausgewählt zu werden, würde also einen wesentlichen Wettbewerbsvorteil bedeuten, der Wertschöpfung, Betriebsansiedelungen und die Schaffung von Arbeitsplätzen zur Folge hätte.
Zunächst lief alles wie am Schnürchen.
Bund und Wien machten gemeinsame Sache. Bundeskanzler Christian Stocker, Staatssekretär für Digitalisierung Alexander Pröll (beide ÖVP) sowie Wiens Bürgermeister Michael Ludwig, Infrastruktur-Minister Peter Hanke (beide SPÖ) und Vizebürgermeisterin Bettina Emmerling (Neos) unterzeichneten eine Willensbekundung.
Auch mehrere Unternehmen – Namen wurden nie offiziell genannt – schlossen sich diesem „Schulterschluss“ an, wie die Stadt Wien erklärte. Man machte sich zurecht Hoffnungen auf den Zuschlag. Nicht zuletzt wegen den starken Verbindungen nach Osteuropa. Bratislava, Budapest und Ljubljana unterstützten die Bewerbung Wiens offiziell. Ursprünglich war vorgesehen, dass die EU im vierten Quartal 2025 einen vertieften Auswahlprozess durchführen werde.
Verärgerung in Wien
Seither herrscht Stillschweigen. „Es gibt nach wie vor keinen Fördercall, was ich ehrlich gesagt sehr ärgerlich finde“, sagt Wirtschaftsstadträtin Barbara Novak (SPÖ). Zudem höre man aus der EU-Administration, dass nun Modelle von Einkaufsgemeinschaften diskutiert werden. „Das wäre für uns als öffentliche Hand nicht mehr interessant.“
Novak hat dazu ihre Kritik schriftlich an die EU – konkret an Exekutiv-Vizepräsidentin für Technische Souveränität Henna Virkkunen – übermittelt. Das Schreiben liegt dem KURIER vor.
Novak kritisiert in einem offiziellen Schreiben an die EU die derzeitige Situation.
Brisantes Schreiben
„Auf Ersuchen der Europäischen Kommission hat die Stadt Wien erhebliche Anstrengungen unternommen, um die Grundlage für ein starkes und wettbewerbsfähiges Projekt zu schaffen“, ist darin unter anderem zu lesen. Das Projekt stehe im Einklang mit wichtigen europäischen strategischen Zielsetzungen sowie Wiens Ziel, bis 2040 Klimaneutralität zu erreichen.
Ein zentrales Element dieses Ansatzes sei die Integration einer AI Gigafactory in das Wiener Fernwärmesystem, eines der größten Europas. Diese Integration würde laut dem Schreiben einen „wesentlichen Beitrag zur Dekarbonisierung der Wärmeversorgung von bis zu 600.000 Haushalten darstellen“.
„Ob mit oder ohne Unterstützung der Europäischen Union: Wien ist startklar für eine Gigafactory.“
Wirtschaftsstadträtin
Die durchgesickerten Änderungen des Fördercalls würden aber nicht erlauben, dass man das Projekt an einen bestimmten Standort oder an definierte Auflagen knüpft – wie etwa die angestrebte Integration in lokale Fernwärmesysteme. Darum stellt Novak einen möglichen Rückzug Wiens in Aussicht: „Vor diesem Hintergrund und trotz erheblicher Bemühungen von Stakeholdern in Österreich und den Nachbarländern“ könne sich die Stadt Wien unter diesen Umständen an keinem gemeinsamen Beschaffungsverfahren für eine AI Gigafactory beteiligen (siehe Faksimile).
Dies wäre „bedauerlich“, warum man die Zuständigen „respektvoll ersuche“, die Förder-Kriterien noch einmal zu überdenken.
Notfalls auch ohne EU
Wien wird aber jedenfalls nicht auf ein KI-Rechenzentrum verzichten, wie Novak versichert: „Diese Infrastruktur wird gebraucht. Ob mit oder ohne Unterstützung der Europäischen Union: Die Stadt ist startklar für eine Gigafactory.“
Alle notwendigen Komponenten zur Stärkung des Stromnetzes seien rechtzeitig bestellt worden, „weil es dafür mittlerweile erste Lieferschwierigkeiten am Weltmarkt gibt. Auch die Fernwärme bereitet sich darauf vor, die entstehende Abwärme einzuspeisen“, erklärt Novak. Eine anfangs angedachte „Mehr-Standort-Strategie“ werde es nicht geben.
Welches Grundstück es werden wird, will Novak aber noch nicht verraten. Beim ursprünglichen Start der Planungen wurde die Seestadt kolportiert, aber nie bestätigt.
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