Chronik | Wien
01.07.2013

Hoffnungsschimmer für Heimkinder

Gutachten helfen, Verjährung auszuhebeln / Landesgericht gewährt Verfahrenshilfe.

Der Bericht über das Kinderheim im Wiener Schloss Wilhelminenberg ist seit einigen Wochen fertig. Die schockierenden Details – von Vergewaltigung junger Mädchen bis zu ausufernder Gewalt – liegen nach eineinhalbjähriger Forschung schwarz auf weiß auf dem Tisch.

Dennoch kursieren nach wie vor Gerüchte über schlimme Kinder, die es ja ohnehin besser als zu Hause gehabt hätten, über Ohrfeigen, die „ganz normal“ gewesen seien und über die Unmöglichkeit, Täter heute noch vor Gericht zu stellen. Eine Bestandsaufnahme:

„Das waren ja lauter verwahrloste Kinder.“ Ingrid E. war noch ein Säugling, als sie von der Mutter weg direkt in die Hände der Fürsorge der Stadt Wien kam. Später, nach etlichen Heimen, landete sie mit 13 Jahren im Heim für schwererziehbare Mädchen am Wilhelminenberg. „Ich bin offenbar durch die Erziehung der Jugendwohlfahrt schwer erziehbar geworden“, sagt die 57-Jährige.

„Wir hatten einen Fernseher, ein Auto, alles“, erinnert sich Peter R. an die 1960er-Jahre zurück. Sein Vater war gut situiert, seine Mutter gestorben. Trotz guter Lebensverhältnisse musste Peter ins Heim Hohe Warte, weil sein Vater Alleinerzieher war. Das reichte schon aus, um ein Kind ins Heim zu geben.

Waltraud R. aus Tirol wollte in den späten 1960er-Jahren, im Alter von 15, an einem Abend vom elterlichen Hof ins Dorf zu ihrer Tante fernsehen gehen. Ein Polizist stoppte sie. „Ich wurde wegen Vagabundage ins Heim St. Martin gesteckt.“

„Schläge? Das war ja damals üblich.“ Bis Mitte der 1970er-Jahre galt in Österreich noch das Züchtigungsrecht. Unter „g’sunde Watschen“ im Volksmund noch heute präsent. Verboten war jedoch bereits damals willkürliches Schlagen und das Zufügen von Verletzungen. Überdies hätten in den Wiener Heimen nicht einmal Ohrfeigen verteilt werden dürfen: Die Heimverordnung aus dem Jahr 1956 hat dies ausdrücklich verboten.

„Das ist ja alles schon verjährt.“ Prinzipiell sind die meisten Straftaten, die in Heimen passiert sein sollen – von Vergewaltigung bis zu folterähnlichen Bestrafungen – mittlerweile verjährt. Es gibt aber Ausnahmen: Wenn mutmaßliche Täter ihre Handlungen nach ihrer Zeit als Erzieher fortgesetzt haben (etwa nach der Schließung des Kinderheimes Wilhelminenberg 1977), könnte sie der Arm des Gesetzes noch erreichen.

Eine weitere Möglichkeit öffnete ein Gutachten der Psychiaterin Heidi Kastner: Sie stellte fest, dass ein Missbrauchsopfer (Stift Kremsmünster) durch die Traumatisierung erst Jahrzehnte später über die Erlebnisse sprechen konnte. Damit ist die Verjährung in diesem Fall ausgehebelt. Richtungsweisend ist auch ein Erkenntnis des Oberlandesgerichtes Innsbruck: Die Verjährung wurde in einem Missbrauchsfall (Stift Mehrerau, Vorarlberg) abgelehnt, ebenfalls nach einem psychiatrischen Gutachten.

Einen ersten Lichtblick gibt es diesbezüglich auch in Wien. Das Oberlandesgericht für Zivilrechtssachen hat einem ehemaligem Heimkind erstmals Verfahrenshilfe zuerkannt. „Ohne die Unterstützung könnte sich meine Mandantin das nicht leisten“, sagt Anwalt Johannes Öhlböck. Der Jurist fordert für das ehemalige Heimkind vom Wilhelminenberg Schadenersatz von der Stadt Wien. „Allen Kritikern, die bemängeln, dass es immer nur ums Geld ginge, sei eines gesagt“, erklärt Öhlböck: „Es ist das Gesetz, das einzig Geld als Wiedergutmachung vorsieht.“

Hilflosigkeit der Politik, oder pures Kalkül? Der Staat und die Kirche drücken sich vor ihrer Verantwortung

„Die SPÖ tut sich besonders schwer, mit dem Thema umzugehen“, analysierte der Tiroler Sozialhistoriker Horst Schreiber vor rund einem Jahr in einem Gespräch mit mir. „In den Wiener Kinderheimen waren doch fast ausschließlich Kinder der Arbeiterklasse. Kinder, die der SPÖ aus ihrer Geschichte heraus ein besonderes Anliegen sein müssten. Und diese Kinder hat die Wiener SPÖ damals schändlich im Stich gelassen.“ Heutzutage steht die Politik dem Phänomen, dass die vor 30, 40, 50 Jahren im Stich Gelassenen plötzlich eine Stimme gefunden haben, hilflos gegenüber. Viele ehemalige Heimkinder haben den Schritt an die Öffentlichkeit gewagt.

In den vergangenen zwei Jahren habe ich mit rund 200 Betroffenen – von Wien bis Vorarlberg – gesprochen. Ihre persönlichen Lebensgeschichten sind unterschiedlich, das erlebte Leiden, sowie der Umgang damit auch. Es handelt sich um Individuen, um eine Mutter, die in den Heimen bildungsfern aufwuchs und stolz ist, dass ihre Tochter soeben die Matura geschafft hat; um einen Herrn, der in einem internationalen Konzern trotz Heimvergangenheit ins mittlere Management aufgestiegen ist, dennoch heute noch mit seinen Erinnerungen an das Heim Hohe Warte hadert; um den ehemaligen Häf’nbruder, der im Heim von Erziehern und Mit-Zöglingen das Recht des Stärkeren gelernt und das Gelernte später ausgelebt hatte; um die ehemalige Prostituierte, die den Job nach der Erziehung in Heimen annahm, weil sie sonst nicht zu Geld kommen konnte – heute ist sie stolze Oma. Es gibt sie nicht, „die Heimkinder“.

Es ist keine homogene Gruppe von Menschen mit einem konkreten Forderungskatalog, die der Politik gegenübertritt. Keine getrimmte Rhetorik, keine gewählten Vertreter, keine Bürgerinitiative, die für oder gegen ein Einzelprojekt ist, keine Partei, der man auf Augenhöhe und mit Politsprech entgegentreten kann. Da ist der Wütende, der die Faust auf den Tisch haut und alle zum Rücktritt auffordert, dort der Besonnene, der auf Versöhnung setzt.

Die Politiker haben nach zwei, drei Jahren der Diskussion über die historischen Schandtaten in den ehemaligen Kinderheimen, für die ihre Vorgänger die Verantwortung trugen, noch immer keine Sprache gefunden. Ich bezeichne es als Hilflosigkeit.

Der US-Aufdecker David Clohessy, selbst Missbrauchsopfer, sieht das anders: Er nennt es Kalkül. Sinngemäß: Wenn man jemanden nicht verstehen will, brauche man auch nicht in eine tiefgehende Diskussion eintreten. Politiker haben Beraterstäbe, Experten, Juristen an ihrer Seite… Wenn sie wollten, so Clohessy, könnten sie eine lückenlose Aufarbeitung der Vorfälle rasch umsetzen.

Und damit auch die einzige Forderung, die meines Erachtens allen ehemaligen Heimkindern ein gemeinsames Anliegen ist: Dass die ganze Wahrheit ans Tageslicht kommt.

Bezeichnend ist, dass das Land Tirol, den erwiesenen Experten Horst Schreiber aus allen Gremien und amtlicherseits angeordneten historischen Aufarbeitungen aussperrt. Die Rache an einem Unbequemen. Das Land Kärnten wiederum verweigert sich einer Aufarbeitung der eigenen Jugendwohlfahrtsgeschichte bisher fast vollkommen.

Bezeichnend ist weiters, dass im Bund bisher das große Schweigen zu diesem Thema herrscht. Dabei trägt die Republik einen großen Teil der Verantwortung, was in den Heimen geschah. Was sagt der Bundespräsident dazu, was der Bundeskanzler? Direkt dem Bund, dem Justizministerium unterstellt, waren die Jugendstrafanstalten. Ein weiteres Kapitel des Horrors, wie eine Gesellschaft mit ihren Kindern umging. Und Politiker schaffen es auch aktuell nicht, den richtigen Ton zu treffen, wie die Causa um den „bedauerlichen Einzelfall“ in der Justizanstalt Josefstadt zeigt.

Eine zwielichtige Rolle spielt auch die Gewerkschaft, die im Verdacht steht, ihre schützende Hand über ehemalige Erzieherinnen und Erzieher gehalten zu haben. Auch sie muss ihre Archive öffnen, um eine lückenlose Aufklärung zu ermöglichen.

Nicht zu vergessen: Die katholische Kirche, in deren Obhut Kinder jahrzehntelang bis aufs Blut gequält wurden. Aufarbeitung des Geschehenen? Null. Eine unabhängige Kommission wurde eingesetzt, um Betroffene zu entschädigen. Damit war die Kirche Vorreiter in Österreich. Warum aber betonen Vertreter dieser unabhängigen Kommission, dass es sich keineswegs um erwiesene Verbrechen handle, sondern nur um wahrscheinliche Taten? Würden Kirchenvertreter dies sagen, wäre es noch verständlich. Auch wenn es ein Fakt ist, dass oft Beweise fehlen, dass eine unabhängige Kommission ständig darauf hinweist, ist doch sehr seltsam. Nach dem Motto: Ihr bekommt Geld von uns, aber ob das stimmt, was ihr uns sagt, wissen wir nicht.

Gleich ein Tipp an Kirche und Staat: Verzicht auf den Einspruch auf Verjährung, sollte ein ehemaliges Opfer zivilrechtlich klagen. Dann könnte aus so mancher Wahrscheinlichkeit ein Gerichtsurteil werden.

Es gibt aber auch positive Entwicklungen. Opfer werden relativ unbürokratisch entschädigt und erhalten auf Wunsch Therapie. Die historische Aufarbeitung gedeiht immer weiter. Nach Tirol (Schreiber) und Oberösterreich (Michael John), zogen auch die Institutionen nach. Tirol brachte gemeinsam mit dem Land Vorarlberg eine weitere Vorstudie heraus, in Salzburg gibt es seit März eine wissenschaftlich fundierte Aufarbeitung der Fürsorge-Geschichte. Wien kommt mit dem Historiker-Bericht von Reinhard Sieder und dem Bericht der „Helige-Kommission“ über das Kinderheim Wilhelminenberg und der Studie über Pflegekinder eine besondere Vorbildwirkung zu. Das Wiener Jugendamt hält in wenigen Tagen sogar erstmals einen Tag der offenen Tür für ehemalige Heimkinder ab.

Die „ganze Wahrheit“ liegt aber noch lange nicht auf dem Tisch: Kaiserebersdorf, Hohe Warte, Wimmersdorf, Eggenburg, Kinderpsychiatrie, St. Martin in Tirol, Bubenburg Tirol etc.