Hietzings Bezirkschefin: „Wissen nicht, wann die Bagger kommen“

Johanna Zinkl (ÖVP) im Gespräch über das knappe Bezirksbudget, das sie 2026 um eine Million Euro überziehen will und die umstrittene Verbindungsbahn.
Eine Frau mit gelbem Schal lehnt an einer holzvertäfelten Wand und blickt freundlich in die Kamera.

Dass Johanna Zinkl nach der Wien-Wahl im April als Bezirksvorsteherin ins Amtshaus im 13. Bezirk einziehen konnte, gleicht einem kleinen Polit-Wunder. Die ÖVP-Politikerin hätte das Amt eigentlich schon Ende des Jahres 2023 antreten sollen. Wäre da nicht die eigene Bezirkspartei gewesen, die gegen Zinkl putschte und stattdessen Nikolaus Ebert zum Bezirkschef kürte.

Eberts Atem war kurz. Seine Verluste bei der Wahl lagen über dem ÖVP-Durchschnitt, die Begeisterung seiner Kollegen über seine Arbeit lag dafür eher unter dem Durchschnitt. Zinkls Getreue putschten zurück und verhalfen der 35-Jährigen doch noch zum Traumjob. Mittlerweile ist Zinkl – die viele im Bezirk noch unter ihrem Geburtsnamen Sperker kennen – auch zur stellvertretenden Landesobfrau der ÖVP aufgerückt.

Der KURIER traf sie zum Interview in ihrem Büro im Hietzinger Amtshaus.

KURIER: Der Streit um die Verbindungsbahn beschäftigt den Bezirk seit Jahren. Jetzt scheint sich ein Ende abzuzeichnen. Sind Sie zufrieden mit dem Ausgang?

Johanna Zinkl: Für die ÖBB ist die Sache mit der Entscheidung des BVwG offenbar erledigt, man hat bereits den Baustart im Herbst angekündigt. Aber für uns im Bezirk ist die Sache nicht erledigt. Es haben bereits mehrere Bürgerinitiativen und Privatpersonen angekündigt, über eine Beschwerde an den Verfassungsgerichtshof sowie eine ordentliche Revision nachzudenken – auch in der Hoffnung, dass vielleicht doch noch eine aufschiebende Wirkung zuerkannt wird.

Wie stehen Sie persönlich als Bezirksvorsteherin dazu? Kommt man nicht irgendwann an einen Punkt, an dem Entscheidungen zu akzeptieren sind?

Ich kann die Sorgen der Hietzingerinnen und Hietzinger nachvollziehen, vor allem jene der direkten Anrainer. Wir bemühen uns seit Jahren um Kompromisse mit den ÖBB, damit das Projekt ortsbildkonform und bürgernah umgesetzt werden kann. Aber ich gebe Ihnen recht: Wir sind an einem Punkt, an dem nicht mehr viele Möglichkeiten bleiben.

Sehen Sie auch die Vorteile des Projekts?

Unbestritten ist, dass ein Ausbau des öffentlichen Verkehrs und eine Intervallverdichtung hin zu einem 15-Minuten-Takt wichtig sind. Die S80 ist eine wichtige Verbindung von Hütteldorf über Meidling nach Aspern. Auch die neuen Stationen schaffen mehr Mobilität. Das ist positiv, ändert aber nichts daran, dass sich die Ausformung des Projekts mit den Wünschen der Menschen im Bezirk spießt.

Sind die finalen Pläne aus Ihrer Sicht nun „ortsbildkonform“?

Die Hochlage der Strecke ist optisch streitbar. Wir sprechen von einer Trasse, die auf über fünf Meter Höhe führt – mit Lärmschutzwänden auf über acht Meter Höhe. Dadurch entsteht ein ganz anderes Ortsbild, das prägt den Bezirk dauerhaft neu. Relevant sind auch die geplanten Schließungen der beiden Kreuzung Veitingergasse und Jagdschlossgasse für den motorisierten Individualverkehr. Damit gibt es auf einer Länge von eineinhalb Kilometern keine Möglichkeit mehr, die Strecke mit dem Auto oder Motorrad zu kreuzen. Das ist de facto eine Zweiteilung des Bezirks. Da bleiben für mich viele Fragezeichen offen, wie sich das auf den Alltag der Menschen auswirkt – etwa auf die lokale Wirtschaft in den Grätzeln und auf potenzielle Ausweichrouten und kleine Gassen, die nicht für mehr Autoverkehr ausgelegt sind.

Hätten Sie sich von den ÖBB da mehr Kompromissbereitschaft oder mehr Kreativität erwartet?

Ja, beides. Es gab in den vergangenen Jahren viele Optionen, viele Pläne und Gutachten. Mit alldem sind wir bei den ÖBB immer auf taube Ohren gestoßen. Zumindest mit Blick auf den Anrainerschutz, etwa die Finanzierung von Schallschutzfenstern, ist einiges gelungen.

Sind Sie informiert, wann die Bauarbeiten starten? Die ÖBB haben ja bereits für Frühjahr erste Vorarbeiten angekündigt.

Wir bemerken immer wieder Vermessungsarbeiten entlang der Strecke. Aktuell haben die ÖBB etwa im Bereich Spohrstraße eine Bewuchsentfernung auf ÖBB-Grund angekündigt – Bäume sollen hier laut Auskunft keine betroffen sein. Aber nein, wir wissen nicht genauer, wann wo ein Bagger auffährt. Klar ist, dass wir die Anrainer sofort informieren, sobald es Neuigkeiten gibt.

Wesentlich friedlicher verlief der Umbau der Auhofstraße zur Fahrradstraße, der Ende 2025 präsentiert wurde. Sind Sie zufrieden?

Ich fahre dort selbst sehr oft und bin zufrieden. Wir haben gemeinsam mit der Stadt viele Sicherungsmaßnahmen vorgenommen – etwa durch die Vorziehung von Gehsteigen, um Sichtbeziehungen zu verbessern – und den Umbau gleich genutzt, um mehr Begrünung zu schaffen. Ich finde, das ist sehr gelungen.

Über den Verkehr wird in Wien immer mit viel Leidenschaft diskutiert. Sind die Hietzinger passionierte Radfahrer? Oder regiert im Bezirk noch das Auto?

Wir haben einen guten Mobilitätsmix, denke ich. Aber natürlich verändern sich die Anforderungen und Wünsche. Deshalb haben wir etwa die Altgasse zur Begegnungszone gemacht. Die Menschen wollen flanieren, entspannen. Das kann man dort jetzt sehr gut. Das Ambiente ist wie auf einem italienischen Markt.

Bei der Wien-Wahl hat Ihre ÖVP im Bezirk neun Prozentpunkte verloren; bei der Bezirksvertretungswahl waren es sogar 16 Prozentpunkte. Was ist denn unter Ihrem Vorgänger schiefgelaufen?

Die hohen Verluste in Hietzing waren bitter, das muss man ehrlich zugeben. Insgesamt war das ÖVP-Ergebnis bei der Wahl nicht zufriedenstellend. Ich glaube, die Gründe dafür waren vielschichtig. Wir haben uns jetzt vorgenommen, nicht zurück, sondern nach vorne zu blicken. Aber eines ist klar: Wir wollen das Ohr wieder mehr bei den Bürgern haben, als das vielleicht zuletzt der Fall war.

Was hören Sie da für Ihre Arbeit der nächsten Jahre?

Ich habe mich der Familienfreundlichkeit verschrieben. In dieses Thema fällt vieles hinein – von der Mobilität bis zur Freizeitgestaltung. Hietzing ist ein generationenübergreifender Bezirk. Und seit 2019 haben wir – damals als erster Bezirk Wiens – auch die Zertifizierung zum familienfreundlichen Bezirk, da steht heuer die Rezertifizierung an. Wir haben dafür einige schöne Projekte in Planung. Auch wenn der finanzielle Spielraum sehr klein ist.

Die Bezirksbudgets wurden von der Stadtregierung auf dem Vorjahresstand eingefroren – die Bezirksvorsteher haben protestiert. Aber muss nicht jeder seinen Beitrag zum Sparen leisten?

Der Zeitpunkt im Herbst, an dem die SPÖ-Finanzstadträtin ihre Entscheidung verkündet hat, hat überrascht. Wir hatten unsere Budgets bereits fertig. Als Bezirk hat man Verpflichtungen – etwa vom Erhalt der Volksschulen und Kindergärten bis zum öffentlichen Raum wie Straßensanierung. Nach Abzug dieser Budgetposten bleibt fast nichts mehr übrig, um zu gestalten und zu investieren. Nicht umsonst sprechen wir von einem Erhaltungsbudget – statt eines Gestaltungsbudgets.

Aber es muss überall gespart werden.

Man muss die Summen in Relation setzen: Die Stadt wendet bereits jetzt nur rund ein Prozent ihres Gesamtbudgets für alle 23 Bezirke zusammen auf. Parallel wird scheibchenweise gekürzt, zuletzt etwa bei den Postgebühren. Das heißt, wir Bezirksvorsteher haben noch weniger Spielraum für Aussendungen, mit denen wir der Informationspflicht gegenüber den Bürgerinnen und Bürgern nachkommen.

Gibt es konkrete Projekte, die aus budgetären Gründen eingespart werden müssen?

Wir haben uns im Herbst im Bezirk überfraktionell darauf geeinigt, dass wir für das laufende Jahr keine Kürzungen vornehmen. Wir gehen dafür auch bewusst in den Vorgriff. Dafür gibt es einen Vorgriffsrahmen, den man im Normalfall nur ungern nutzt. Aber es ist nicht anders möglich. Vor allem, weil auch unerwartete Ausgaben anfallen, wie etwa die Sanierung der Maxingstraße.

Das bedeutet, der Bezirk gibt mehr Geld aus, als er für das laufende Jahr eigentlich zur Verfügung hätte?

Ja. Die Bezirksmittel belaufen sich auf rund 8,3 Millionen Euro. Die Projekte, die wir vorbudgetiert haben und 2026 umsetzen werden, belaufen sich auf 9,3 Millionen Euro. Für die nächsten Jahre werden wir uns anschauen müssen, welche Projekte dann vielleicht nicht mehr möglich sein werden. Bei vielem kämpfe ich auch bei der Stadt um Budget, weil wir nicht sparen wollen – zum Beispiel bei „Streetwork Hietzing“, einen Verein für außerschulische Jugendarbeit, der sehr gute Arbeit leistet. Wir bezahlen diese Jugendarbeit zur Gänze aus dem Bezirksbudget, das ist unfair. Ich erwarte mir Unterstützung seitens der Stadt und habe das beim Antrittsbesuch mit Bildungsstadträtin Bettina Emmerling deponiert.

Mit Schloss Schönbrunn haben sie eine der großen Touristenattraktionen im Bezirk. Haben Sie – auch mit Blick auf den ESC – ebenso Angst vor dem Overtourism wie manche in der Inneren Stadt?

Wir freuen uns immer, wenn Menschen zu uns kommen. Jetzt stehen ja auch bald die Ostermärkte an. Natürlich müssen wir da auch auf die Bedürfnisse der Anrainer achten. Wir haben unter anderem unlängst das erste Anrainerparken im Bezirk umgesetzt. Das war ein wichtiger Schritt.

Kommentare