Bau genehmigt: Die Verbindungsbahn, die Hietzing spaltet
Von Franziska Trautmann, Lukas Leidenfrost und Anna Perazzolo
Seit 8 Uhr morgens blättert Halina Seidl in alten und neuen Verträgen. Sie ist in regem Austausch mit ihrem Anwalt. Denn nach Jahren des Hin und Her steht jetzt fest: die Verbindungsbahn wird gebaut.
Und Frau Seidl betrifft das unmittelbar persönlich: Der Ausbau der Verbindungsbahn könnte den Abriss ihres Würstelstandes auf der Hietzinger Hauptstraße bedeuten. Der befindet sich nämlich direkt neben dem Bahnübergang, auf einem Grundstück der ÖBB.
Der Würstelstand auf der Hietzinger Hauptstraße muss der Verbindungsbahn weichen.
Überraschend ist das nicht. Das Projekt mit dem offiziellen Namen "Attraktivierung der Verbindungsbahn“ steht schon seit über einem Jahrzehnt im Raum. Die ÖBB planen damit den Ausbau der fünf Kilometer langen Strecke zwischen den Bahnhöfen Hütteldorf und Meidling, davon rund 800 Meter in Hochlage. Die Planung ist längst bekannt. Nur mit dem Bau wurde bisher nicht begonnen. Denn die Causa hing bei Gericht fest – quasi eine Verzögerung im Arbeitsablauf.
Entscheidung liegt vor
Nach 1.300 Tagen Rechtsmittelverfahren und 2.000 Tagen Prozessverfahren, wie die ÖBB vorrechneten, liegt nun die Entscheidung des Bundesverwaltungsgerichts ( BVwG) vor: Der Bau wird genehmigt. Die Beschwerden von Anrainerinnen und Anrainern aus Hietzing, mehreren Bürgerinitiativen und einer Umweltorganisation wurden abgelehnt.
Allerdings: Im Verfahren erteilte das Gericht "Auflagen“ an die ÖBB. Um die Verbindungsbahn bauen zu können, müssen diese erfüllt werden.
15-Minuten-Takt
Positive Auswirkungen soll der Ausbau auch für Bahnfahrende haben: Versprochen wird ein 15-Minuten-Takt.
Ein tägliches Ärgernis in Hietzing: Autos warten im Frühverkehr auf die Bahn.
Alles andere als begeistert vom Projekt – und von der Entscheidung des BVwG – zeigen sich die Projektgegner. Die Bürgerinitiative "Verbindungsbahn besser“ empfängt den KURIER nur einen Tag nach Bekanntwerden des Erkenntnisses in Speising. Erika Artaker, ein Mitglied der Initiative, wohnt in unmittelbarer Nähe der S-Bahn-Haltestelle. Vor ihrer Haustür könnte also schon bald eine Baustelle sein: Die Station soll modernisiert werden.
Von der neuen Gerichtsentscheidung ist sie nicht überrascht:
"Es läuft alles wie erwartet. Wir sind eigentlich sehr glücklich, dass wir so weit gekommen sind und dass wir so viel erwirkt haben.“ Zufrieden sind sie und ihre Kollegin Irene Salzmann aber nicht. Weiterhin wird an der Kritik festgehalten, dass zu viel Grünfläche verloren gehe und diese Bodenversiegelung nicht rückgängig gemacht werden könne. Außerdem befürchte man die Teilung des Bezirks durch eine "Mauer“ – sprich die hochgelegte S-Bahn-Strecke. Auf dieser ausgebauten Trasse erwartet die Initiative zudem mehr Güterverkehr. Dagegen ist die Initiative gerichtlich vorgegangen.
Zuerst aber wollen sie sich mit ihrem Anwalt beraten. Zudem müsse man sich auch noch mit den anderen beiden Hietzinger Bürgerinitiativen "Unter St. Veit“ und "Verbindungsbahn-Wien“ zusammensetzen, um die Lage zu besprechen. Übers Wochenende wollen sie die über 500 Seiten lange Entscheidung des Gerichts lesen und ein Fazit ziehen.
Theoretisch möglich wäre nun noch, eine Revision beim Verwaltungsgerichtshof (VwGH) – also dem höchsten Verwaltungsgericht – zu erheben. Das Bundesverwaltungsgericht hat, wie berichtet, eine ordentliche Revision zugelassen.
Sollte diese erhoben werden, prüft der VwGH die Entscheidung. Nur hat die Revision keine aufschiebende Wirkung. Dazu müsste ein gesonderter Antrag gestellt und diesem auch stattgegeben werden. Sprich: Die ÖBB können, auch wenn Revision erhoben wird, mit dem Bau beginnen.
Bei jeder Mietvertragsverlängerung musste Seidl einen Zusatzvertrag unterschreiben. Darin steht, dass sie auf Verlangen der ÖBB das Grundstück zurückgeben muss. Ohne Hütte. Für Frau Seidl heißt das: Sie muss ihren Würstelstand abreißen. Und das auf eigene Kosten.
Und das haben sie auch vor. Noch diesen Herbst sollen die Bauarbeiten beginnen. Bereits im Februar wird es Vorbereitungen dafür geben, wurde seitens ÖBB angekündigt.
Wenig Zeit also für Würstelstandbesitzerin Halina Seidl. Ihre kleine hölzerne Hütte, die sie seit dem Jahr 2004 führt, ist im Bezirk längst eine Institution. Jetzt könnte der Abschied nahen.
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