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Chronik Wien
12/05/2011

Heimskandal: Opfer spricht über "Schreckensnächte"

Elfriede S. war ab 1948 im Heim am Wilhelminenberg. Sie berichtet von Vergewaltigungen und einem Todesfall.

Dass kein Opfer bisher über die Vorfälle gesprochen habe, weist Elfriede S. energisch zurück. Die heute 69-Jährige gibt dem KURIER zu Protokoll, dass sie bereits Mitte der 1960er-Jahre beim Jugendamt und diversen Zeitungen vorgesprochen hat. Allein - ihr wurde nirgends geglaubt. "Die haben mich als Lügnerin hingestellt. Als blöde Frau, die fantasiert." In den 70er-Jahren war sie im Wiener Rathaus, auch in den 80er-Jahren will sie noch einen Versuch gestartet haben, ihre schrecklichen Erinnerungen an die Heimzeit auf einem Amt zu dokumentieren. "Die haben mich einfach rausgeschmissen. Mir hat keiner zugehört."

Prügel

Schließlich schrieb sie ihre Erinnerungen nieder. Penibel listet sie Prügelstrafen, Beschimpfungen als "Judenbankert" und sexuellen Missbrauch auf. Feinsäuberlich, handgeschrieben auf 42 Seiten, liegt der Bericht dem KURIER vor.

Bereits vergangenen Freitag, einen Tag, bevor zwei Frauen über Serienvergewaltigungen in den 1970er-Jahren berichteten, gab Elfriede S. ihre frappant ähnlichen Erfahrungen in einem Interview preis.

"Wir wussten ja nicht, wann die Herren vom Oberstock kommen. Das waren die Erzieher von den Knaben. Die Türen haben immer fürchterlich geknarrt. Wir haben ja nicht gewusst, was die mit uns machen. Bitte, wir waren sechs Jahre alt. Wir haben das ja nicht begriffen. Wir haben nur gewusst: Angst und Schmerzen. Mehr nicht."

Später habe sie bemerkt, dass die Erzieher "immer sturzbesoffen" gewesen seien. "Und wer sich nicht sofort gefügt hat, ist so lange geschlagen worden, bis... ja... bis sie zu dem gekommen sind, was sie wollten. Und das war furchtbar."

Ihrer Angabe nach wurden Mädchen in der Zeit zwischen 1948 und 1953 im Heim am Wilhelminenberg vergewaltigt. "Im Schlafsaal. So zwischen 30 und 35 Mädchen waren im Schlafsaal." Die 69-Jährige spricht von "vier, fünf Männern, genau kann ich das nicht sagen, es war ja stockdunkel."

Die Schwestern hätten sich währenddessen im Dienstzimmer vergnügt. "Die haben gekichert und gelacht und getratscht und trallala. Und Kaffee getrunken oder sonst irgendwas. Die haben genau gewusst, was da zwei Räume weiter passiert", sagt Elfriede S. "Man hat ja auch Schreie gehört. Die müssen ja taub und blind gewesen sein."

Betreuer "von innerhalb des Hauses" sollen die Vergewaltiger gewesen sein. "Manchmal jeden Tag, manchmal sind sie drei Tage nicht gekommen."

Franziska

"Wir hatten Unterricht, die Lehrerin, das war die Maria H. (Name der Redaktion bekannt, Anm.) war schon die ganze Zeit so hektisch. Sie hat gleich geschimpft wegen irgendwas und war furchtbar aufgeregt. Es war eh schon ganz mucksmäuschenstill in der Klasse. Jedenfalls ist halt ein Bleistift hinuntergefallen, diesem Mädchen. Sonst ist nix gewesen. Die Lehrerin ist zu der hin, hat - die hatte solche runden Zöpfchen, Schnecken, über den Ohren - die hat sie da gepackt, hat sie abgeohrfeigt. Links, rechts, links, rechts. Dann hat sie sie buchstäblich auf den Boden geschmissen, und ist auf der herumgetreten. Überall. Auch auf den Kopf. Überall."

Das Mädchen, erinnert sich Elfriede S., soll regungslos am Klassenboden gelegen sein. "Die ist ganz blass geworden. Mein Gott, wenn jemand atmet..., dann sieht man ja wie sich der Brustkorb bewegt... Da war nix." Als die Rettung kam, sagt die 69-Jährige, sei das Mädchen auf eine Trage gelegt worden. Körper und Kopf mit einem Tuch bedeckt.

Elfriede S.: "Gerüchte gibt es überall, speziell in so einem Fall. Alle, fast alle, waren überzeugt davon, dass die tot ist. Das Mädchen war die Franziska. Ein richtiges zartes Dingerl."

Rohrstock

"Oder zum Beispiel, auch eine Erzieherin, die Johanna. Da waren schon die größeren Mädchen, so ab 12, 13. Das hab ich selber gesehen. Es war, die Tür vom Dienstzimmer so halb offen. Da war so ein Holzbock, da hat sie die Mädchen so drüber geschmissen, so wie ein Stück Vieh, und hat sie mit einem Rohrstock geschlagen. Den ganzen Rücken voll." Gründe für die Bestrafungen habe es keine gebraucht. "Wenn sie nichts gefunden haben, haben sie Gründe erfunden. Das war normal."

"Manchmal denk ich mir: Das habe ich wirklich erlebt? Prügel, Schläge, Demütigungen, Beschimpfungen, sinnlose Strafen. Das hat begonnen mit Ecke stehen, vorgestreckten Armen, Kniebeugen, Liegestützen, auch Kniebeugen in Brennnesseln, Schläge noch und nöcher." Auf dem Rücken hat Elfriede S. eine Narbe. Die Ursache soll eine Peitsche mit einem gedrechselten Holzgriff gewesen sein. "Da waren so kleine Metallteile eingearbeitet. Und mit dem sind wir geschlagen worden."

Abschaum

"Warum ich ,Judenbankert genannt worden bin? Den Namen hat mir die Schwester Adele verpasst. Schauen Sie mich an... dunkle Haare, die Nase. Meine Haare waren früher schwarz mit Schimmer. Man soll es nicht glauben, das war ja nach der Nazi-Zeit." Aber wer nicht blond und blauäugig gewesen ist, sei wie Abschaum behandelt worden. "Das war nach dem Krieg, wo alles vorbei war."

Zur Welt kam Elfriede S. im Jahr 1942 in Wien. Ihre Mutter starb, als Elfriede zwei Jahre alt war. Das Mädchen kam zur Großmutter, da der Vater erst in den Krieg ziehen musste und anschließend in Kriegsgefangenschaft geriet. Ins Heim gekommen sei sie 1948, nachdem man ihrer Großmutter gleichsam die Erziehungsberechtigung entzogen hätte.

Therapie

"Früher hab' ich geglaubt, ich hab' eine Betonplatte am Brustkorb. Ich konnte nicht atmen. Das war furchtbar, das ist jetzt alles weg, das habe ich nur meiner Psychotherapeutin zu verdanken. Ich konnte mit niemandem sprechen. Ich hab's dann irgendwann aufgegeben. Ich hab' alles in mich hineingefressen. Es war irgendein Ereignis, es hat mich an irgendwas erinnert, aber ich konnte mit niemandem sprechen. Es hat mich niemand verstanden und es hat mir niemand geglaubt. Und so ist das alles reingefressen worden."

Heute ist Elfriede S. in Therapie: "Ich bin jetzt froh, so weit hat mich meine Therapeutin schon gebracht, dass die Albträume, die kommen, jetzt weniger werden. Jetzt hab' ich endlich die Kraft, mich dagegen zu wehren. Und wenn ich im Unterbewusstsein ,Nein' sage, gehen sie auch weg."

Elfriede S. wurde vom Weissen Ring mit 35.000 Euro entschädigt. Mehr Geld will sie nicht.

Hilfe: Opfer sollen sich melden
Der KURIER rät allen Opfern, sich bei der Kinder- und Jugendanwaltschaft (Tel.: 01/7077000) oder bei der Opfer-Hotline des "Weissen Ring" (Tel.: 01/4000-85918 ) zu melden. Die Experten der beiden Organisationen können rasch und unbürokratisch Unterstützung und Hilfe anbieten.

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