ÖVP Wien: Wie ein türkiser Populist seine giftigen Köder auswirft
Der Wiener ÖVP-Klubchef Harald Zierfuß hat vor einigen Monaten das Phänomen des Ragebaits für sich entdeckt. Was hinter dem englischen Fachausdruck steckt? Es handelt sich um Online-Postings, deren vorrangiger Zweck es ist, Empörung beim Gegenüber auszulösen.
Der deutsche Ausdruck lautet „Wut-Köder“, was es gut auf den Punkt bringt: Veröffentlicht werden provokante, bis zu Inkorrektheit zugespitzte Aussagen, die es anderen emotional fast unmöglich machen, nicht darauf zu reagieren.
Das Ergebnis: Eine erhöhte Anzahl von Interaktionen und damit mehr Sichtbarkeit auf Social Media – eine der zentralen Währungen in der (politischen) Online-Welt. Dass diese Art des Diskurses kein sinnvoller, sondern ein gesellschaftlich destruktiver, schädlicher ist, nimmt der Ragebaiter billigend zur Kenntnis. Er handelt ja vorsätzlich.
Das jüngste Beispiel der regen Zierfuß’schen Aktivitäten, der sich in seinen Postings gerne an jene richtet, die „nicht links“ sind: Er behauptete via Aussendung und auf Instagram, die rot-pinke Stadtregierung in Wien trage Mitschuld am freitäglichen Flüchtlingsansturm auf die spanische Exklave Ceuta in Nordafrika. Sie ahnen es, worauf der Wiener ÖVP-Politiker abzielt: die Wiener Mindestsicherung, für die sich die Zehntausenden wohl bewerben hätten wollen. (Naja.)
Die Rechnung im Netz geht auf: Aus dem eigenen Lager erhält Zierfuß Applaus – die „Linken“, gegen die der Jungpolitiker gerne zu Felde zieht, verfallen in Schnappatmung. Der Köder hat geschmeckt.
Vor ein Problem stellt der Ragebaiter hingegen die traditionellen Qualitätsmedien: Entweder, man berichtet nicht über die populistischen Sager – und lässt sie damit ohne Einordnung und Analyse widerspruchslos stehen, ganz so, als wären sie wahr. Oder man greift das Gesagte auf, ordnet es ein und entkräftet es – und geht dem Ragebaiter damit erst recht ins Netz. Er erhält dadurch nämlich abermals genau das, was er will: Öffentlichkeit – und Widerspruch, den er nutzen kann, um sich im nächsten Posting als Opfer (linker, eh klar) Meinungs- und Medienmacher zu positionieren.
Aus dieser Spirale auszubrechen, ist schwierig – was den Ragebait so lukrativ und gefährlich macht. Dass nicht nur deklarierte Populisten, sondern auch ein hochrangiger ÖVP-Politiker da mitmacht, ist bedauerlich. Nicht zuletzt, weil es seine Partei ist, die zeitgleich auf Bundesebene an Social-Media-Verboten arbeitet, die Junge vor schädlicher Beeinflussung schützen sollen.
Wiens ÖVP-Chef Markus Figl hat sich in der Causa Ruck rasch distanziert – dieser vertrete nicht das Politikverständnis der ÖVP. Ob Figl der Online-Populismus seines Klubchefs gefällt?
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