Chronik | Wien
03.12.2018

Gründerzeithäuser: Das große Abreißen geht weiter

Trotz verschärfter Bauordnung sollen weitere Gründerzeithäuser verschwinden. Ein Haus in Ottakring wurde schon geschleift.

Anfang des Sommers erlebte Wien eine Abbruchwelle von Gründerzeithäusern. Anlass war die Anfang Juli in Kraft getretene Verschärfung des Gesetzes, das den Abbruch von Gründerzeithäusern regelt. Der Spuk ist aber nicht vorbei, Denkmalschützer befürchten eine zweite Welle.

„Einige Hauseigentümer waren im Sommer mit dem Abbruch zu spät dran, die Vorhaben wurden baupolizeilich gestoppt“, sagt Markus Landerer, Vorstand der Initiative Denkmalschutz. Von diesen rund 50 Häusern wurden viele als erhaltungswürdig eingestuft. Dagegen erhoben zahlreiche Eigentümer Einspruch, manche mit Erfolg.

Vor Kurzem wurde eines der laut Initiative Denkmalschutz schönsten und intaktesten dieser Häuser in Ottakring in der Lindauergasse 2 bis 6 abgerissen. Landerer sieht für die restlichen Häuser, bei denen ein Baustopp ausgesprochen wurde, wenig Hoffnung: „Wenn bei diesem Haus ein Abbruch möglich ist, weiß ich nicht, warum es bei den anderen nicht auch gehen sollte.“

Der Abriss eines Hauses in der Großen Pfarrgasse 14 im 2. Bezirk sei bereits besiegelt. Weitere gefährdete Objekte befänden sich in der Jörger Straße 4 bis 8 – in dem sich früher das Hotel Thüringerhof befand – und in der Donaufelder Straße 193. Auch die ehemalige Schokoladefabrik Victor Schmidt und Söhne in der Geiselbergstraße 26 bis 32 soll fallen.

Dass die Abbrüche von Gründerzeithäusern weitergehen, sorgt für Aufregung. Maria Sachs wohnt in unmittelbarer Nähe der Häuser in der Lindauergasse, die abgerissen wurden. Nachdem die Ottakringerin von dem geplanten Abbruch erfahren hatte, wollte sie sich bei der Stadt darüber informieren. „Ich wurde von der MA37 zur MA19 hin und her geschickt, ohne Auskunft zu bekommen“, sagt Sachs. Schließlich habe es geheißen, man könne nichts sagen. Besonders verärgert hat sie ein Mitarbeiter der MA37: „Wenn Sie keine direkte Anrainerin sind, dann geht sie das sowieso nichts an“, habe der Mitarbeiter gesagt.

Genaue Zahlen zur Lage hat Beatrix Hornschall, Vizepräsidentin des Verwaltungsgerichts Wien. Demnach wurde bei 34 Abbruchprojekten Beschwerde gegen den Abbruchstopp erhoben. „16 davon sind entschieden, davon wurde acht Beschwerden stattgegeben, vier abgewiesen und ein Verfahren eingestellt, die Beschwerde wurde zurückgezogen“, sagt Hornschall.

Bei drei Objekten wurde die Beschwerde zurückgewiesen, sie wurden nicht vorschriftsgemäß eingereicht.

Alles offen

Noch steht nicht fest, wie es mit den Häusern weitergeht. Denn sowohl Bauherren als auch Baupolizei können eine außerordentliche Revision beim Verwaltungsgerichtshof einbringen und eine Beschwerde an den Verfassungsgerichtshof schicken. „Es ist sehr wahrscheinlich, dass die Fälle der betroffenen Häuser an die Höchstgerichte herangetragen werden, weil die Materie neu ist und es um viel Geld geht“, sagt Hornschall.

Die Novelle der Bauordnung besagt, dass der Abbruch von Häusern, die vor 1945 gebaut wurden, seit Anfang Juli bewilligungspflichtig ist. Was mit Häusern passiert, mit deren Abbruch davor begonnen, dieser aber nicht abgeschlossen wurde, ist nicht klar. „Eine höchstgerichtliche Entscheidung dazu steht aus“, sagt Hornschall. Wie lange die Abbruchwelle weitergeht, ist offen.

Seitens der MA37 heißt es nur, dass durch die Novelle der Aufwand, ein Gründerzeithaus abzureißen, größer geworden ist. Beim Eingang von Abbruchanträgen sei es ruhiger geworden.