Grau in grau: Was die Nebelsuppe mit Wienern macht
Renate K. wohnt zwar nicht in Wien, ist aber häufig hier. Ihr sei kalt, doch die Stadt gefalle ihr so gut, da störe sie das Grau nicht.
Zusammenfassung
- Der kälteste Jänner seit neun Jahren sorgt in Wien für graues Wetter, weniger Sonnenstunden und mehr Eistage.
- Viele Wiener empfinden das triste Wetter als belastend für Stimmung und Alltag, während Touristen und Besucher unterschiedlich darauf reagieren.
- Laut Meteorologen bleibt das Wetter weiterhin grau und trüb, doch echte Wiener lassen sich davon nicht unterkriegen.
Von Maximilian Gruber
„Wir kommen nur für die Kultur nach Wien. Wenn es die nicht gäbe, würden wir im Winter nicht nach Wien fahren“, scherzen Ferdinand und seine Frau. Sie sind aus dem Salzkammergut und lieben die Wiener Opern, nicht aber das Wetter. „Bei uns im Salzkammergut haben wir jeden Tag blauen Himmel und Sonnenschein. Hier in Wien ist alles grau.“
Der heurige Winter ist von besonderer Kälte geprägt. Der Jänner war der kälteste seit neun Jahren, er lag um 1,7 Grad Celsius unter einem durchschnittlichen Jänner der vergangenen 30 Jahre. Im Tiefland Österreichs gab es um 42 Prozent mehr Eistage. Das sind jene Tage, an denen die Temperatur ganztägig unter null Grad Celsius bleibt. Was macht so ein Winter mit den Menschen?
Der Himmel über der Mariahilfer Straße ist grau und trüb.
Die Sonne fehlt
Ein paar Meter weiter auf der Mariahilfer Straße spaziert Erich B. Der 50-Jährige – ein Bier in der einen, ein Einkaufswagerl in der anderen Hand – dreht seinen Kopf in Richtung grauer Himmel. „Es ist schrecklich, wenn man keine Sonne mehr sieht.“ Er vermisse die Wärme und das Licht. Er beobachte, wie sich das auf die Gemüter seiner Mitmenschen im täglichen Umgang auswirkt. „Die Leute werden aggressiver. Sie gehen meine Billa-Verkäuferinnen an, obwohl die nichts falsch gemacht haben.“ Das erlebe er im Sommer nicht. Er selbst sei ausgewogen, doch auch frustriert. „Beim Aufstehen ist es schon mies, wenn ich in den grauen Nebel schaue.“
Der einhellige Tenor beim Lokalaugenschein: Die Sonne fehlt. Tatsächlich gab es zwar im gesamten Raum Österreichs um 25 Prozent mehr Sonnenstunden – worüber sich Ferdinand und seine Frau aus dem Salzkammergut sichtlich freuen –, im Osten Österreichs gab es jedoch um zehn bis 35 Prozent weniger Stunden, in denen Vitamin D aufgetankt werden konnte.
Alfred P. und seine Hündin Timmi vermissen die Sonne.
Doch nicht nur fehlende Vitamine sind die Folge, auch manch ein Auslauf wird gestrichen. Das spürte heuer die schwarze Hündin Timmi. Sie schlendert gemächlich neben ihrem Herrchen Alfred P. Normalerweise geht der Wiener, Mitte 60, mit seiner treuen Begleiterin gerne ins Freie. Scheint die Sonne, machen sie ausgiebige Spaziergänge. Doch heuer blieb es bei den kleinen Gassi-Runden, dafür sei es zu kalt, zu grau und zu windig gewesen. Das deprimiere auch ihn, gibt Alfred P. zu.
Anders ist die Stimmung am Fuße des Wiener Wahrzeichens, des Stephansdoms. Wenige Touristen schlendern Freitag Vormittag über den Stephansplatz. Agris Z. und seine Frau sind gerade aus Lettland angekommen. „Für uns ist das hier Frühling“, lacht er. Das Wetter störe ihn nicht. „Eine Stadt ist eine Stadt. Das hat nichts mit dem Wetter zu tun.“ Außerdem gebe es so weniger Touristen, freut er sich. Auch Natalia L. freut sich auf ihre Zeit in Wien. „Natürlich wäre mehr Sonne schöner“, sagt die 35-jährige Italienerin, doch solange es nicht regne, sei es in Ordnung.
Für Ian P. aus Kanada beginnt der Winter bei minus 30 Grad.
Kälte? Egal!
Gut gelaunt ist Renate K., als sie gerade ein Foto vom Dom schießt. Die Österreicherin sei nicht aus Wien, komme aber regelmäßig in die Stadt. Ob der Winter sie stört? „Das kommt auf die Stadt an. Wien ist so schön, da ist die Kälte egal.“
Zurück auf der Mariahilfer Straße: Auch hier stört die Kälte nicht alle. Der 66-jährige Ian P. aus Victoria, Kanada lacht. „Winter beginnt bei mir bei minus 30 Grad.“ Auch die Sonne vermisse er nicht, die werde schon wieder kommen.
Nicht jedoch in nächster Zeit. Da bleibe es grau und trüb, weiß der Meteorologe Lukas Bodinger von Geosphere Austria. „Von Frühling ist noch keine Spur.“ Als Erich B. von dieser Prognose hört, schüttelt er den Kopf. „Wirklich? Katastrophe, furchtbar ist das. Aber kann man nichts machen, was soll man ändern.“ Auch davon werde er sich – als typischer Wiener – nicht unterkriegen lassen, sagt er.
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