Chronik | Wien
03.08.2018

Gegen Sexuelle Belästigung: „Die brauchen gar nichts probieren“

Speziell geschulte Mitarbeiter wie Alex Wilhelm sorgen in Wiener Bädern für Sicherheit

Mütter, die zu ihm kommen und sagen: „Da macht jemand Fotos von meinem Kind.“ Mädchen, die zu ihm kommen und sagen: „Der Herr da beobachtet mich die ganze Zeit.“

Immer wieder hört Badewart Alex Wilhelm solche Sätze. „Leider“, sagt er, als er an diesem heißen Sommertag seine Runden durch das Ottakringer Bad dreht. Als sogenannter „First Responder“ ist der 52-Jährige seit einigen Jahren in puncto Kontrolle, Kommunikation und Deeskalation geschult. Er hat gelernt, Streits zu schlichten; ein Auge dafür bekommen, Störenfriede ausfindig zu machen. Er spricht sie oft an, bevor etwas passiert ist – um von Anfang an klarzumachen, „dass die hier gar nichts erst probieren brauchen.“

 

Seit vergangener Woche klebt auf Wilhelms Dienstkleidung ein runder Sticker mit Rettungsanker. Der Aufpasser schaut jetzt vermehrt in uneinsichtige Ecken des Bades; verfolgt genauer, was mit den Handys fotografiert wird.

Aktion ausgeweitet

Denn die Stadt Wien hat die Bewusstseinskampagne „Ich bin dein Rettungsanker“ auf die Wiener Bäder ausgeweitet. Die Aktion, die Mädchen und Frauen vor sexueller Belästigung schützen soll, wurde im Frühjahr beim Donauinselfest gestartet. Ziel ist es, dass „Ansprechpartner sensibilisiert sind, sensibel reagieren und Betroffenen nicht das Gefühl geben, dass es unangenehm ist, die Belästigung zu melden“, sagt die zuständige Frauenstadträtin Kathrin Gaal (SPÖ).

 

Dass das Thema immer noch sehr schambesetzt ist, weiß Christoph Natschläger vom Kindernotruf „Rat auf Draht“: „Viele Betroffene trauen sich oft jahrelang nicht, darüber zu sprechen.“

Vor diesem Hintergrund ist die Statistik der Wiener Bäder zu sehen. Heuer wurden sieben Fälle gemeldet, im gesamten Jahr 2017 waren es 18 (darunter: Fotografieren, Onanieren im öffentlichen Raum, ungewollte Berührung oder Belästigung). „Man kann davon ausgehen, dass es mehr Fälle gibt, als gemeldet wurden“, sagt Natschläger. „Obwohl natürlich gilt, dass jeder Vorfall einer zu viel ist.“

Deshalb kann auch Maria Rösslhumer vom Verein Autonome Österreichische Frauenhäuser die Aktion der Stadt nur gutheißen. Weil sie helfe, das Thema zu enttabuisieren. Weil Betroffene lernen würden, dass es ein Akt der Stärke ist, Vorfälle zu melden. Und weil sich Täter vielleicht abschrecken lassen, wenn sie registrieren, dass bei dem Thema nicht weggeschaut wird.

 

"Reagieren gut"

Was sagen die Badegäste zur Kampagne? „Ich find’ das super“, meint die 65-jährige Nora Miljevic . „Ich bin vielleicht schon aus dem Alter draußen, in dem ich belästigt werde.“ Sie lacht kurz auf, wird dann aber gleich wieder ernst. „Aber ich habe Kinder und Enkelkinder und da ist es mir natürlich sehr wichtig, dass sie gut aufgehoben sind.“ Mit diesem Bad habe sie bisher nur gute Erfahrungen gemacht. „Die Bademeister sind sehr aufmerksam. Ich habe unlängst erst gesehen, wie sie einen Burschen zur Rede gestellt haben.“

Auch die 29-jährige Sabrina Riedel, die sich nach der Arbeit hier abkühlt, fühlt sich von den Mitarbeitern des Bades gut betreut. „Bei der Wassergymnastik machen manchmal Männer Fotos. Aber die Bademeister pfeifen sofort, reden mit den Personen. Das finde ich gut.“

Katharina Bradl ist mit ihren zwei Kindern im Bad. Sie hat hier noch keine unangenehme Situation erlebt. „Und ich hätte auch kein Problem damit, es anzusprechen, wenn etwas passiert.“