Chronik | Wien
07.07.2017

Gaffer: Polizei droht mit Festnahmen

Zwei Tote in Wien, bis zu 300 Schaulustige behinderten die Einsatzkräfte / Einer der Sanitäter berichtet.

Nach dem tödlichen Unfall in Wien-Simmering, bei dem am Donnerstag eine schwangere, 33-jährige Wienerin von einer Garnitur der Straßenbahn-Linie 71 erfasst und getötet wurde, ist das Entsetzen bei der Wiener Berufsrettung und der Polizei groß.

Wie berichtet, hatten Dutzende Schaulustige die Einsatzkräfte bei ihrer Arbeit stark behindert. Die Zeugen sollen mit ihren Smartphones auf bis zu 30 Zentimeter an die am Unfallopfer arbeitenden Rettungskräfte herangetreten sein, um die dramatischen Szenen zu fotografieren und zu filmen.

Notfallsanitäter Mathias Gatterbauer (33) von der Wiener Berufsrettung, der als einer der Ersten am Einsatzort war, schildert im KURIER-Interview, wie die Gaffer die Arbeit vor Ort erschwert haben.

KURIER: Wie kam es zu dem Einsatz mit den Gaffern?

Mathias Gatterbauer: Der Alarmierungscode war ein schwerer Verkehrsunfall mit einer bewusstlosen Person. Ich wurde als Fieldsupervisor (erfahrener Notfallsanitäter, Anm.) zugewiesen und der Christophorus 9 und zwei Rettungswagen waren im Einsatz. Ich bin als Erster eingetroffen. Am Unfallort waren irrsinnig viele Leute. 200 bis 300 Personen befanden sich an der Unglücksstelle. Die Polizei war vor Ort und hat probiert, eine Ordnung hineinzubringen, weil die Situation emotional ziemlich aufgeheizt war.

Wie verlief der Rettungseinsatz?

Eine Krankenschwester, die zufällig vor Ort war, hat schon mit der Reanimation begonnen gehabt. Das Opfer ist mit einem massiven Blutverlust neben der Straßenbahn gelegen. Bei uns ist es immer so, dass man sich zuerst einen Überblick verschafft. Beim Eintreffen war eigentlich schnell klar, dass die Patientin in einem kritischen Zustand und schwanger war. Deshalb war die Entscheidung schnell klar, dass man probiert, das Ungeborene zu versorgen und zu retten. Wir wussten, weil der Kreislauf der Mutter nicht mehr funktionierte, dass wir nur begrenzt Zeit haben, um das Kind zu versorgen. Wir haben dann eine mechanische Reanimationshilfe aufgeschnallt, um den Kreislauf aufrecht zu erhalten.

Haben die Schaulustigen Sie bei der Arbeit behindert?

Ja, es ist nicht für jeden sehr einfach, in solchen Extremsituationen damit umzugehen. Und wenn man dann eine große Menge an Schaulustigen hat, die agieren, wie sie dort agiert haben, lenkt das einen Sanitäter schon extrem ab. Teilweise sind Leute durch die Absperrung gegangen, vorbeigefahren und haben Fotos geschossen. Es war ein ziemliches Chaos.

Wie reagiert man als Sanitäter?

Wir müssen uns auf die Patienten konzentrieren. Das ist das einzige Augenmerk, das wir haben. Wir verlassen uns eigentlich immer auf die Polizei, dass die die Schaulustigen fernhält. Es war bei dem Fall einfach die Anzahl der Personen, die das Ganze so unkontrollierbar gemacht hat.

Wie oft werden Sie bei der Arbeit von Gaffern behindert?

Man merkt einfach, dass die Häufigkeit enorm steigt. Vor allem in den vergangenen Jahren. Das Hauptproblem dabei sind einfach die Smartphones.

Baby überlebte nicht

Am Freitag wurde bekannt, dass das Kind, das per Notkaiserschnitt auf die Welt gebracht worden war, nicht überlebt hat. Die behandelnden Ärzte hatten in der Nacht den Kampf um das Leben des Babys verloren.

Scharfe Kritik für die Gaffer kam auch von der Polizei. "Im Rausch nach dem perfekten Foto, nach dem besten Schnappschuss oder was auch immer ihr euch von solchen Aufnahmen zu erhoffen scheint, wurden nicht nur die Rettungskräfte, sondern auch die Opfer aus nächster Nähe gefilmt und mehrfach fotografiert. Unsere Verständnislosigkeit ist unbeschreiblich groß. Wir sind fassungslos über ein solch unmoralisches Verhalten wie es manche von euch an den Tag gelegt haben", heißt es in einer Stellungnahme auf Facebook.

Die Exekutive erwägt jetzt sogar, bei solchen Szenen stärker durchzugreifen. "Künftig könnte es sein, dass diejenigen, die unsere Wegweisungen missachten, nach dem Sicherheitspolizeigesetz festgenommen werden", sagt ein Sprecher.