Frauen als Spione: „Sie hielten uns für dumm“

An der FH Wien berichteten ehemalige Spioninnen über ihre Zeit im Nachrichtendienst. „Agentin Angelika“ lebt heute als Lilli Pöttrich in Wien und war eine Quelle des DDR-Auslandsnachrichtendienstes in Bonn.
Spioninnen, Nachrichtendienst, Spionage, Wien

Lilli Pöttrich hörte nicht ihr Leben lang auf diesen Namen. Die heute 71-Jährige arbeitete als Studentin jahrelang unter dem Decknamen „Angelika“ in verschiedenen Ämtern und Botschaften. Heute lebt Pöttrich in Wien, in Penzing. 

„Aber nur zum Vergnügen“, sagt die gebürtige Deutsche. Um die Bundeshauptstadt machte sie in der Vergangenheit jahrelang einen Bogen. Wien gilt bekanntlich als Hochburg für Spione (siehe Text unten). „Wenn man Dreck am Stecken hatte, sollte man damals nicht nach Wien fahren, das wäre verdächtig gewesen“, schildert die 71-Jährige bei einem Kolloquium am Freitag an der Fachhochschule Wien.

Pöttrich wuchs in bürgerlichen Verhältnissen in Düsseldorf auf und trat bereits als Schülerin der SPD bei. Sie studierte Rechtswissenschaft und wurde Mitglied des Sozialistischen Hochschulbundes. Im Sommer 1975 nahm der DDR-Auslandsgeheimdienst des Ministeriums für Staatssicherheit Kontakt mit ihr auf. „Zwei junge Männer haben bei mir geklingelt und gesagt, sie seien vom Institut für Imperialismus-Forschung. Das hat es natürlich nicht gegeben, aber das wusste ich damals nicht“, erzählt Pöttrich.

Verpflichtungserklärung

Sie habe schließlich „angebissen“ und 1976 die Verpflichtungserklärung für den DDR-Auslandsnachrichtendienst unterschrieben. Zu diesem Zeitpunkt nahm sie auch ihren Decknamen „Angelika“ an, den sie sich selbst ausgesucht hatte. „Ich wurde dann ausgebildet und lernte Verschlüsselungstechniken und Geheimschriften. Auch die Selbstkontrolle war wichtig, also dass man darauf achtete, ob man observiert wurde“, erzählt Pöttrich.

Spioninnen, Nachrichtendienst, Spionage, Wien

An der FH Wien berichteten ehemalige Spioninnen über ihre Zeit im Nachrichtendienst.

Sie wechselte dann an die Universität nach Köln, wo sie Informationen über ihr privates und universitäres Umfeld sammelte. Das erklärte Ziel der DDR-Auslandsspionage bestand darin, Pöttrich ins Auswärtige Amt einzuschleusen. „Ich wurde dann auf die Sicherheitsüberprüfung vorbereitet. Es gab auch ein paar Stempel in meinem Pass, die dort nicht hätten sein sollen. Ich habe dann gesagt, das waren alles Studienreisen“, schildert die ehemalige Spionin im Gespräch. Pöttrich begann schließlich im Sommer 1983 im Auswärtigen Amt in Bonn zu arbeiten. Dort hatte sie Zugang zu Unterlagen über die Exportkontrolle westlicher Technologien in die Staaten des Ostblocks.

Enttarnt und verurteilt

Im Jahr 1993 flog Pöttrich schließlich auf und wurde verhaftet. Nach dem Prozess wurde sie zu zwei Jahren Haft auf Bewährung verurteilt, außerdem durfte sie sieben Jahre nicht als Anwältin arbeiten und auch nicht wählen gehen. Ob sie heute noch einmal die gleiche Entscheidung treffen würde und für den Nachrichtendienst arbeiten? Nein, sagt Pöttrich. „Es ist bitter, sich einzugestehen, dass das Gesellschaftsmodell, an das man geglaubt hat, an seinen eigenen Problemen zugrunde gegangen ist und nicht an der Niedertracht von Feinden.“

Mit einer weniger drastischeren Strafe ist Beatrice Schevitz davongekommen. Die gebürtige Amerikanerin sitzt neben Pöttrich im Saal an der FH und spricht über ihr Leben als DDR-Spionin. Die Amerikanerin zog in den 1970er-Jahren nach Deutschland. Gemeinsam mit ihrem Mann arbeitete auch sie für den DDR-Auslandsgeheimdienst. Schevitz arbeitete als Sekretärin in der südafrikanischen Botschaft und anschließend als Erzieherin. „Unser Ziel war es, Informationen aus dem Bundeskanzleramt zu bekommen“, erzählt die 70-Jährige. Ihr Mann Jeffrey arbeitete beim John-F.-Kennedy-Institut an der Freien Universität Berlin, anschließend beim Kernforschungszentrum Karlsruhe.

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Beatrice Schevitz, ehemalige Spionin: „Das war der Vorteil damals als Frau. Die dachten, wir sind dumm. Deswegen die geringe Strafe.“ 

Papiere als Konfetti

Die Aufgabe von Beatrice bestand darin, Informationen ihres Mannes abzufotografieren und in Zügen zu deponieren. „Mit Wimperntusche habe ich die Stelle markiert, an der ich alles versteckt hatte. Die Sendung wurde dann aus dem Zug abgeholt“, beschreibt die ehemalige Spionin. Im Jahr 1993 flog das Ehepaar auf. Sie hatten jedoch noch ausreichend Zeit, alle Dokumente zu vernichten. Die Papiere wurden geschreddert. Doch wohin mit den zwei großen Säcken Papierschnipsel?

„Wir sind zu Fasching nach Mainz gefahren. Dort haben wir die geschredderten Geheimberichte als Konfetti unter die Leute gebracht“, erinnert sich Beatrice. Verurteilt wurden sie trotzdem. Wegen einer dreisten Lüge kamen sie aber mit geringen Strafen davon: „Wir haben gesagt, dass wir alles im Auftrag der CIA gemacht haben“, so Beatrice. Ihr Mann wurde zu vier Jahren Haft verurteilt, sie selbst nur zu einer Geldstrafe. „Das war der Vorteil damals als Frau. Die dachten, wir sind dumm. Deswegen die geringe Strafe.“

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