"Worst Case" eingetreten: Schiff von Wiener Kult-Kapitän gesunken

Seit 20 Jahren liegt Franz Scheriau mit seinem gut ein Dutzend Schiffen an der Donaulände in Wien. Nun ist der „Worst Case“ eingetreten: Eines der Schiffe ist gesunken. Eine Versicherung gibt es nicht.
46-224110260

„Ana“ ist untergegangen. Im Wasser der Donau am Osterwochenende war plötzlich kaum noch etwas von ihr zu sehen. Nur ihr Mast lugte noch aus dem Wasser – „Ana“ ist nämlich ein Schiff. Ein Passagierschiff, um genau zu sein. Das im Besitz von Kapitän Franz Scheriau steht, der seit Jahrzehnten mit seinem guten Dutzend Schiffen an der Donaulände liegt – und dort lebt.

Seit Kurzem aber ist die Schiffsammlung des 74-Jährigen um zwei Exemplare ärmer geworden. Denn neben der „MS Ana“, die am Osterwochenende gesunken ist, von der Feuerwehr geborgen wurde und seitdem an der Lände im Gras steht, fehlt ein zweites Schiff: die „Novara“. Sie vermisst Scheriau schon seit knapp einem Monat, wie er erzählt. „Sie war einfach weg. Ich bin sie auch suchen gegangen, weil ich den Verdacht hatte, dass böse Menschen, sie entwendet haben, um den Motor abzumontieren.“ Der Motor sei nämlich recht neu gewesen, sagt Scheriau.

46-224110226

Am Osterwochenende ist das Schiff gesunken und anschließend geborgen worden. Seitdem steht es an Land.

Gefunden hat der Kapitän seine Fähre schlussendlich aber nicht. Und auch zur Polizei sei er nicht gegangen: „Ich habe den ganzen Tag gesucht, am Abend war ich dann müde und am nächsten Tag habe ich nicht mehr daran gedacht, dass ich zur Polizei gehen sollte und das anzeigen.“

„Reine Sabotage“

Nachdem die „MS Ana“ am Osterwochenende aber gesunken war und wieder geborgen wurde, hat die Feuerwehr auch nach der vermissten Fähre gesucht. Sonargeräte, Taucher und sogar ein Hubschrauber seien im Einsatz gewesen, ist zu hören. Gefunden wurde die „Novara“ aber nicht – und damit rechnet nun auch niemand mehr.

Das Augenmerk gilt nun lediglich dem an Land liegenden Personenschiff: „Ich war in San Remo, als ich am Telefon erfahren habe, dass die ,Ana‘ gesunken ist“ , sagt Scheriau. Möglichst schnell sei er wieder nach Wien gefahren, dort habe er sein Schiff an Land vorgefunden. Was genau passiert ist, wisse er nicht, sagt der Kapitän. Einen Verdacht hat er allerdings schon: „Meiner Meinung nach ist das reine Sabotage.“ Scheriau glaubt, dass das Schiff versenkt worden sei. Ein Loch habe er nämlich nicht gefunden: „ Ich habe es extra getestet, habe Wasser reinrinnen lassen. Und wenn ein Leck wäre, dann müsste das Wasser raus rinnen. Ist es aber nicht. Es ist dicht.“ Mit dem Nachsatz: „Die wollen mich nur loswerden, noch immer“, so Scheriau.

46-209001722

Rund ein Dutzend Schiffe besitzt Franz Scheriau. Sie sind sein Haus und sein Garten.

„Die“ sind in diesem Fall die Behörden und der Wiener Hafen. Genau so lange, wie Scheriau schon an der Lände liegt, gibt es nämlich auch schon das Hickhack zwischen ihm und den genannten Parteien. Der Kern des Disputs: Scheriaus Schiffe liegen schon seit Jahren ohne gültigen Vertrag an der Lände – also de facto illegal.

Fehlende Versicherung

Gescheitert ist eine Vertragsunterzeichnung bisher an der fehlenden Versicherung. Bisher habe sich keine Versicherungsanstalt bereit gezeigt, die Schiffe zu versichern, sagt Manfred Schiffner, der Anwalt von Scheriau. „Versicherungen versichern Schiffe nur dann, wenn sie einen Motor haben und fahren können. Einige der Schiffe von Herrn Scheriau sind aber nicht mehr fahrtüchtig.“ In allen anderen Punkten sei man sich mit dem Hafen einig; sogar einen Vertragsentwurf habe es schon gegeben, sagt Schiffner.

Der Sprecher vom Wiener Hafen bestätigt das. Man habe lediglich auf die fertige Fassung des Vertrages gewartet. Vorgelegt, geschweige denn unterzeichnet, wurde diese aber nie.

Gültige Zulassung

„Und jetzt ist der Worst Case eingetreten“, sagt der Sprecher. Nämlich dass eines der Schiffe gesunken ist, ohne Berge- und Umweltversicherung. Die Zuständigkeit des Hafens für die „MS Ana“ ende damit, sagt der Sprecher. Wie es mit den restlichen, noch im Wasser befindlichen Schiffen, weitergehe, sei auch noch „ergebnisoffen“. Für einen Pachtvertrag mit Herrn Scheriau stehe man weiterhin bereit, so der Sprecher.

46-224110258

Franz Scheriau vor seinem geborgenen Schiff.

Wie es mit den im Wasser befindlichen Schiffen weitergehen wird, ist auch bei der MA 45 (Wiener Gewässer) derzeit nicht zu erfahren. Nur eines: Die Schiffe seien nach wie vor zugelassen, sagt der Leiter der Magistratsabteilung Gerald Loew. „So lange diese Zulassung erneuert wird, wird angenommen, dass die Schiffe nicht sinken.“ Allerdings: Auch die „MS Ana“ hatte am Osterwochenende noch eine gültige Zulassung. Gesunken ist sie trotzdem.

"Reparieren und zurück ins Wasser"

Die Kosten des Bergeeinsatzes durch die Feuerwehr sowie für die Suche nach der Fähre sollen laut MA 45 übrigens an Franz Scheriau weiterverrechnet werden. Von der Berufsfeuerwehr heißt es dazu bisher allerdings nur, dass der Sachverhalt geprüft werde. Manfred Schiffner, der Anwalt von Scheriau sagt dazu: „Bei meinem Klienten gibt es nichts zu holen, er ist Mindestpensionist.“ Und Scheriau selbst, der schon seit Jahren nach einem Nachfolger für seine Schiffsammlung samt dazugehörigem Schiffsmuseum sucht, wünscht sich nur eines: „Reparieren und zurück ins Wasser. Ana muss fahren.“ Aufgeben will der Kapitän seine Sammlung und das Passagierschiff, dessen Wert er auf 100.000 Euro schätzt, also nicht.

Passend dazu antwortete Franz Scheriau auf die Frage, ob er seinen Urlaub in San Remo verbracht habe, als die „MS Ana“ gesunken ist, mit: „Sozusagen. Ich habe dort ein Schiff angeschaut.“

Kommentare