EU-Förderung für eine Gstettn: Wiens größtes Renaturierungsprojekt
Gestrüpp, ungenutzte Wege, zwischen den Bäumen ragen Gebäudeteile hervor. In Breitenlee findet sich der Inbegriff dessen, was man in Wien eine Gstettn nennt.
Kurz nach 1945 wurde hier der Betrieb des Verschiebebahnhofs stillgelegt, jetzt fiel der Startschuss für das EU-geförderte Projekt „VienNatura“.
Das Areal umfasst rund 90 Hektar und liegt seit 1945 brach. Damals wurde der Verschiebebahnhof stillgelegt.
Dass das Areal renaturiert wird, ist an sich nicht neu. Bereits vergangenes Jahr wurde es in ein Natura-2000-Gebiet umgewandelt – also einem Schutzgebiet, in dem gefährdete Arten und Lebensräume für die Zukunft erhalten werden. Zuvor hat die Stadt Wien das Bahnhofsareal von den ÖBB mit Mitteln aus dem vom Bund geförderten Biodiversitätsfonds gekauft.
Millionenschwere Förderung
Neu ist allerdings, dass die Stadt den Zuschlag für eine EU-Life-Förderung erhalten hat. Das ist mehr als ein Achtungserfolg: Von den rund 4,7 Millionen Euro, die für das Projekt veranschlagt sind, übernimmt die EU zwei Drittel. Diese Förderung sei dementsprechend hart umkämpft, sagt Ferdinand Schmeller von der federführenden MA22 – Umweltschutz. Und: „Es war mein Lebenstraum einmal bei einem Life-Projekt mitzuarbeiten.“
EU-Förderung
Bei der EU wurde ein Projekt eingereicht und auch
bewilligt, das folgende Punkte umfasst:
- Entsiegelung: Wiederherstellung von Lebensräumen und Entsiegelung von versiegelten und teilversiegelten Flächen.
- Neophyten bekämpfen: Etablierung einer Weidelandschaft, intensive Neophytenbekämpfung und sensible Wegeführung für Besucher.
- Erholungsraum: Schrittweiser Aufbau einer Zone zur sanften Erholungsnutzung, Direktvermarktung und für Umweltbildung für die Bevölkerung.
Kampf den Neophyten
„Damit starten wir in Wiens bisher größtes Renaturierungsprojekt, das ist ein großer Schritt in Richtung EU-Wiederherstellungsverordnung“, sagt Umweltstadtrat Jürgen Czernohorszky (SPÖ). Es sei „besonders erfreulich, dass wir als Stadt Wien hier direkt von der EU-Renaturierungsverordnung profitieren, da wir einen großen Teil der Kosten aus EU-Mitteln refundiert bekommen“, ergänzt Angelika Pipal-Leixner, Umweltsprecherin der Neos.
Konkret werden auf den rund 90 Hektar nun versiegelte Flächen aufgebrochen, Weideflächen geschaffen und invasive Arten entfernt. Speziell Letzteres ist zentral, wenn es um die Frage geht, warum ein Areal, das verwildert ist und naturbelassen wirkt, weiter renaturiert werden muss: Seit 1945 haben sich sogenannte Neophyten, allen voran Götterbaum und Goldrute, ausgebreitet.
Diese können die ansässigen Arten verdrängen und ganze Wiesen naturschutzfachlich entwerten, wie erklärt wurde.
In Wien gibt es neben Breitenlee 5 Natura2000-Umweltschutzgebiete:
die Wiener Teile des Nationalparks Donau-Auen
der Bisamberg
das Landschaftsschutzgebiet Liesing
Naturschutzgebiet Lainzer Tiergarten
der Orchideen-Kalk-Buchenwald Leopoldsberg
Besuche möglich, aber kein Park
Die Überreste des Bahnhofsgebäudes bleiben übrigens bestehen, wie Schmeller sagt. Dort nisten sich auch Tiere ein – etwa Fledermäuse. Wie vielfältig die Natur in Breitenlee ist, zeigt sich auch beim Gespräch: ein Turmfalke zieht am Himmel seine Kreise.
Für Wienerinnen und Wiener soll „VienNatura“ ebenfalls zugänglich sein, kündigte Czernohorszky an. Es sei aber kein Park im klassischen Sinn. Derzeit wird ein Wegenetz erarbeitet, es soll Beobachtungspunkte geben, an manchen Standorten soll man auch regionale Produkte kaufen können. Umgekehrt soll das Areal einen Beitrag für das Stadtklima in der Umgebung leisten, hieß es bei der Begehung. Es soll als Durchlüftungsschneise dienen und wirkt auch durch Beschattung und Verdunstung von Regenwasser kühlend.
Umsetzung bis 2032
Die Umsetzung läuft, eine Fertigstellung ist bis Ende 2031 geplant. Das wird aber nicht das Ende sein: „Neben den Renaturierungsmaßnahmen und Monitorings, wird ein Managementplan erstellt, der sicherstellt, dass der einmalige Wert des Areals auch nach Ende des Projekts 2032 erhalten bleibt“, wie Michael Kienesberger, Leiter der Umweltschutzabteilung der Stadt Wien und Petra Wagner, Chefin der Forst- und Landwirtschaftsbetriebe, erklären. Diesen beiden Abteilungen obliegt die operative Projektleitung.
Das Projekt wird auch wissenschaftlich begleitet – sowohl vom Naturhistorischen Museum (NHM) als auch von Bird Life. Für Interessierte soll es auch Exkursionen geben, wie Bird-Life-Geschäftsführer Gábor Wichmann ankündigte.
Gemeinsam mit NHM-Direktorin Katrin Vohland machte er darauf aufmerksam, dass bedrohte Arten auf dem Naturschutz-Areal eine Heimat und somit eine Zukunft finden könnten.
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