Die Eisenstange, auf die Avdic gestürzt ist, verfehlte sämtliche Organe.

© Georg Hönigsberger

Arbeitsunfall
03/07/2014

Erst gepfählt und dann gekündigt

Ein Arbeiter wurde bei Sturz aufgespießt. Seine Firma hat ihn gekündigt. Jetzt ermittelt der Staatsanwalt.

von Georg Hönigsberger

Ein Sturz aus vier Metern Höhe beschäftigt Arbeitsinspektorat, Polizei und Staatsanwaltschaft. Der Bauarbeiter Hakir Avdic ist bei Stemmarbeiten auf der Baustelle des Krankenhauses Wien-Nord so unglücklich von der Leiter gefallen, dass er von einem 120 cm langen Bewehrungseisen aufgespießt wurde.

Die Folgen des Unfalls vom 29. August 2013 wird er noch lange spüren. Auch finanziell, denn seine Firma hat den 58-Jährigen zwei Monate später gekündigt.

Avdic schildert den Unfallhergang: „Ich bin alleine zur Baustelle geschickt worden. Mit einem Bohrhammer habe ich Steckeisen in drei bis vier Metern Höhe freigelegt.“ Es habe weder ein Gerüst gegeben, noch habe ihn jemand gesichert.

Der Arbeiter verliert den Halt und stürzt genau auf eines der drei Zentimeter starken Bewehrungseisen, die unter ihm in den Boden betoniert waren. „Das Eisen hat sich bei mir in der linken Seite, oberhalb der Hüfte hineingebohrt und ist bei der anderen Hüfte wieder raus“, erinnert sich Avdic. Ein Kollege entdeckte ihn, Rettung und Feuerwehr wurden gerufen. Avdic wurde betäubt, dann erst schnitt die Feuerwehr die Stange durch. Das Unfallopfer wurde samt Eisenstange im Leib ins Lorenz-Böhler-Krankenhaus gebracht.

Kleines Wunder

Die Ärzte sprachen nach der Notoperation von einem kleinen Wunder. Obwohl Avdic quer durch seinen Unterleib gepfählt worden war, sind sämtliche Organe unverletzt geblieben.

Sein Arbeitgeber, die Baufirma Gindl und Wurzenberger, sandte Avdic, der auf einen Reha-Platz warten musste, am 30. Oktober 2013 die Kündigung zu. Insgesamt ist der gebürtige Bosnier zwölf Jahre für das Unternehmen tätig gewesen. Weder sein (ehemaliger) Arbeitgeber, noch der Generalunternehmer des Krankenhaus-Neubaus, die Firma PORR, will für den Unfall die Verantwortung übernehmen.

Dem KURIER liegen Vernehmungsprotokolle vor. Der Polier der Firma Gindl sagte: „Bei der Baukontrolle wurde nichts beanstandet: Außerdem bin ich für die Abdeckungen nicht zuständig.“ Der Polier der Firma PORR erklärte, dass die Bewehrungsstäbe mit einer Schaltafel abgedeckt gewesen wären, die eventuell bei den Stemmarbeiten heruntergefallen sei.

Die Staatsanwaltschaft ermittelt wegen fahrlässiger Körperverletzung. Auch das Arbeitsinspektorat hat Anzeige erstattet. Dessen Mitarbeiter Christian Dittenberger sieht den Arbeitgeber in der Pflicht, die Baustelle so zu sichern, dass keine spitzen Bewehrungen ungeschützt aus dem Boden ragen.

Johannes Öhlböck, der Anwalt des Unfallopfers, sagt, er habe seit Dezember mehrmals an Avdics Arbeitgeber geschrieben, um eine außergerichtliche Einigung zu erzielen. „Bis jetzt gab es von Gindl und Wurzenberger noch keine Reaktion.“ Öhlböck hat hat sich dem Strafverfahren angeschlossen. „Wir streben eine Feststellungsklage an, wer für die Verletzung und die Folgen verantwortlich ist.“ Geldforderungen gibt es (noch) keine.

Avdic ist seit dem Unfall 20-prozentiger Invalide, leidet unter Schlafstörungen und Höhenangst und muss zum Gehen nach wie vor eine Krücke benützen.

Da war nichts gesichert

KURIER: Welche Arbeiten haben Sie durchgeführt, als der Unfall passiert ist?

Hakir Avdic: Ich habe mit einem Bohrhammer Steckeisen in drei bis vier Metern Höhe freigelegt.

Es gab offenbar keine Sicherungsmaßnahmen. Sie arbeiteten auf einer Leiter und nicht auf einem Baugerüst.

Ich bin alleine zur Baustelle geschickt worden. Die Zeit war knapp, deswegen gab es kein Gerüst. Es war auch kein Kollege da, um mich zu sichern. An und für sich arbeitet man ja auf einem Gerüst oder mit einem Kollegen, der einen absichert.

Haben Sie auch früher für die Firma Gindl und Wurzenberger ungesichert arbeiten müssen?

Ja, das ist auch früher schon vorgekommen. Es ist aber nie etwas passiert. Ich habe der Firma auch gesagt, dass ich die Stemmarbeiten eigentlich nicht alleine durchführen darf. Aber Herr Gindl hat mir nur gesagt, was in kürzester Zeit gemacht werden musste.

Was wäre passiert, wenn Sie sich geweigert hätten?

Ich hätte wahrscheinlich die Kündigung bekommen. Aber offen gedroht wurde mir damit nicht. Ich habe ja alles gemacht, was mir aufgetragen wurde. Mit 58 will man seine Arbeit nicht verlieren.

Wie kam es zum Unfall?

Ich war schon ungefähr eine Stunde auf der Leiter und habe gestemmt, mit einer 15 Kilo schweren Hilti. Dann hat sich der Meißel verklemmt. Beim Versuch ihn aus der Wand rauszuziehen, habe ich das Gleichgewicht verloren und bin von der Leiter gestürzt.

Sie fielen direkt auf aus dem Boden ragende sogenannte Anschlussbewehrung. Eisenstangen, die 120 cm aus dem Boden ragten…

Das Eisen hat sich bei mir in der linken Seite, oberhalb der Hüfte hineingebohrt und ist bei der anderen Hüfte wieder raus. Und dann hatte ich noch Verbrennungen von der Hilti. Die war durch die Arbeiten sehr heiß und ist auf mich drauf gefallen. Dann habe ich versucht, um Hilfe zu rufen. Ein Kollege aus Polen hat mich nach zwei, drei Minuten, von oben gesehen und Alarm geschlagen. Dann ist alles ganz schnell gegangen. Rettung und Feuerwehr sind gekommen. Die Feuerwehr musste zuerst die drei Zentimeter dicke Stange absägen. Davor bin ich aber betäubt worden.

Sie wurden von der Rettung samt der abgesägten Stange im Unterleib ins Lorenz-Böhler-Krankenhaus gebracht. Sie waren lebensgefährlich verletzt und wurden operiert.

Die Ärzte haben nachher von einem kleinen Wunder gesprochen. Ich war von links bis rechts durchbohrt, aber es waren keine inneren Organe verletzt. Laut Ärzten ist die Stange sieben Millimeter beim Darm vorbei. Meine Wirbelsäule ist von der Stange gestreift worden.

Wie ging es nach der Operation weiter?

Zuerst bekam ich einen Rollator, dann zwei Krücken. Nach drei Wochen konnte ich das Krankenhaus verlassen, musste aber im Krankenstand bleiben und auf meine Reha warten.

Dann wurden Sie gekündigt.

Acht Wochen nach dem Unfall, am 30. 10. 2013, bekam ich die Kündigung.

Wie haben Sie das aufgenommen?

Ich bin aus allen Wolken gefallen. Es ist mir fast peinlich, das zuzugeben, aber ich habe ein paar Tränen vergossen. Ich habe immerhin schon insgesamt zwölf Jahre für die Firma gearbeitet.

Haben sich die Chefs nach Ihrem Gesundheitszustand erkundigt?

Nein, bisher hat keiner angerufen. Ein paar Kollegen haben aber schon mit mir telefoniert.

Mittlerweile waren Sie auf Reha?

Ja, fast zwei Monate lang im Weißen Hof in Klosterneuburg – bis 26. Jänner.

Welche Folgen der Verletzung spüren Sie noch?

Ich kann kaum schlafen. Ich habe links und rechts die Narben von der Stange, dann die Operationsnarbe am Rücken und die Verbrennungsnarben. Egal wo ich mich im Schlaf hindrehe, habe ich Schmerzen. Dazu kommt auch noch Höhenangst, die ich früher nie hatte. Ich war komplett schwindelfrei. Und die Wirbelsäule ist auch nicht ganz in Ordnung. Ich tu‘ mir beim Bücken schwer. Zum Gehen brauche ich noch eine Krücke.

Noch kurz zu den Bewehrungsstangen, auf die Sie gestürzt sind: Die ragten ungesichert aus dem Boden?

Ja, die haben da einfach rausgeschaut. Da war nichts gesichert. Sie waren nicht verschalt. Normal müssen die zumindest mit einem Schutz aus Plastik oder so gesichert sein.

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