Chronik | Wien 20.01.2012

Eine verkohlte Frau und viele Fragen

Jener Mann, der eine 72-jährige Wienerin getötet haben soll, steht ab Montag vor Gericht. Das Tatmuster ähnelt den Prostituiertenmorden.

Als ein Feuerwehrmann am 20. Juli 2010 eine Rauchsäule in einem Maisfeld bei Nickelsdorf im Burgenland aufsteigen sieht, denkt er an einen Flurbrand. Nur wenige Minuten später macht er einen grausigen Fund. Im Maisfeld brennt der Körper einer toten Frau. Ihr Unterleib ist entkleidet, der Oberkörper bereits total verkohlt. Die Kriminalisten tappen tagelang im Dunkeln, denn keine der Abgängigkeitsanzeigen passt zu dem Opfer, das hier erschlagen worden ist.

Hatte jener Serienmörder wieder zugeschlagen, der bereits mehrere Prostituierte auf die gleiche Weise getötet hat? Die Zeitungen sind voll mit Berichten über das Phantom. Die Exekutive richtet die "ARGE Frauenmord" ein.

Knapp eine Woche nach dem Leichenfund geht Agustin S. in die Offensive. Hatte er durch die Medienberichte Angst bekommen, er könnte mit den Prostituiertenmorden in Verbindung gebracht werden? Denn diese Leichen waren zum Teil nicht weit von seinem Wohnort entfernt gefunden worden, das Tatmuster war äußerst ähnlich.

Der 59-jährige Niederösterreicher argentinischer Herkunft meldet sich bei der Polizei und gibt an, das Opfer möglicherweise zu kennen. Die 72-jährige Lydia Dobija, eine Wienerin mit polnischen Wurzeln, habe ihn öfter an seinem Arbeitsplatz besucht. Er will sie aber nur flüchtig gekannt haben. Agustin zeigt sich kooperativ. Hilft, die Identität der Frau zu klären.

Eindeutige Spuren

Als die Kriminalisten die Wohnung der Frau im 20. Bezirk öffnen, finden sie aber schon bald Hinweise darauf, dass Agustin mit ihr in engem Kontakt stand und der Letzte war, der Dobija lebend gesehen hat. Auch biologische Spuren, die einen körperlichen Kontakt belegen, belasten ihn schwer. Agustin wird Anfang August 2010 in U-Haft genommen und gilt von da an als Hauptverdächtiger.

Er tischt den Ermittlern immer wieder neue Versionen über seine Beziehung zum Opfer auf. Mit ihrem Tod will er nichts zu tun haben. Das Netz, das die Beamten in diesem Kriminalpuzzle spinnen, wird immer enger. Man bereitet sich auf einen Indizienprozess vor. Doch als alle Ermittlungen abgeschlossen sind und Agustin S. offenbar realisiert, aus der Geschichte nicht mehr rauszukommen, kommt die Wende.

Ein Jahr nach seiner Inhaftierung, im August 2011, legt Agustin ein Teilgeständnis ab. Er spricht von einer Verzweiflungstat. Sein Verteidiger Farid Rifaat nennt es Körperverletzung mit Todesfolge, nicht Mord. Eine Theorie, der der Staatsanwalt nichts abgewinnen kann. Gregor Adamovic klagt Agustin S. wegen Mordes an Lydia Dobija und Störung der Totenruhe an. Am Montag beginnt der Prozess.

Fünf Frauenmorde weiter ungeklärt

Die Umstände des Todes von Lydia Dobija im Juli 2010 sollen ab Montag beim Prozess im Landesgericht Eisenstadt geklärt werden. Andere ähnlich gelagerte Fälle sind weiter ungeklärt:

1987
wird die Wiener Prostituierte Gertrude B., 31, in Stockerau (NÖ) gefunden. Die Leiche war angezündet worden.
2005 wird eine halb verbrannte Leiche an der A 2 in der Steiermark entdeckt. Ihre Identität ist unklar.
2007 wird in Asparn an der Zaya (NÖ) die angezündete Leiche der Prostituierten Katerina Vavrova entdeckt.
2008 wird in Kärnten die angezündete Leiche einer unbekannten Frau gefunden.
2010 finden Arbeiter im Bezirk Gänserndorf (NÖ) die angezündete Leiche der Prostituierten Petya Filkova.

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( Kurier ) Erstellt am 20.01.2012