Chronik | Wien
12.03.2018

Ein Lokführer hat viele Jobs

Was die 4000 Männer und 100 Frauen am Kopf des Zuges zu tun haben.

"Vorsicht", sagt Gerhard Lader und zeigt auf zwei gelbe Lichter, die auf einem Signal leuchten. Das bedeutet, dass in einigen hundert Metern vermutlich die Strecke nicht frei sein wird. Seit dem Zugunfall im steirischen Niklasdorf, als zum zweiten Mal ein Cityjet vermutlich wegen einer Signalüberfahrung einen Unfall verursacht haben dürfte, müssen die Triebfahrzeugführer jedes Halt-Signal ansagen. Oder "ansprechen", wie es im Jargon heißt. Die Idee stammt aus Japan und sorgte für weniger Unfälle – dort muss auch auf das Signal gezeigt werden.

Signale ansprechen

"Bei uns muss das allerdings nicht so übertrieben stattfinden wie in Asien", erklärt Bernhard Benes, Geschäftsführer der ÖBB-Produktion. Gemeinsam mit dem KURIER ist der Manager auf der so genannten Stammstrecke der Wiener Schnellbahn von Hauptbahnhof bis Floridsdorf (und retour) auf Lokalaugenschein. Auf dem Hinweg fahren wir mit einer alten 4020er-Garnitur, die am Führerstand ein wenig den Charme eines Kraftwerks aus den 70er-Jahren hat.

Erwin Haas, seit 20 Jahren Lokführer, hat einiges zu tun. Für den Laien ist gar nicht nachvollziehbar, wie viele Zeichen entlang der Bahngleise stehen – km/h-Angaben, Verschubsignale, Hauptsignale. Auch überraschend: Wenn zwei grüne Signale leuchten, ist langsamer zu fahren als wenn nur ein grünes Signal leuchtet. Dann muss noch der Gegenverkehr – wie bei Busfahrern üblich – gegrüßt werden.

In der Station Hauptbahnhof ist Vorsicht geboten, ein alter Klappspiegel fährt aus. Eine Frau versucht noch einzusteigen, obwohl die Türen geschlossen sind. Langsam geht es dann doch aus der Station hinaus, als die Dame zurückweicht. Für Haas Routine: "Schlimm wird es nur, wenn etwas nicht hinhaut. Oder wenn über den Funk viele Meldungen hereinkommen." Das kann bei Schneefall der Fall sein. Da geht es auch bei den ÖBB drunter und drüber.

Da bei den Zugbegleitern gespart wurde, ist der Lokführer auch direkt für die Sicherheit der Bahngäste verantwortlich. Lader kontrolliert mit den Innenkameras, ob bei den Passagieren alles in Ordnung ist. "Ich musste mehrfach eingreifen und habe auch Belobigungen erhalten", berichtet der "Cityjet-Pilot". Rund 4000 solcher Lokführer (und 100 Lokführerinnen) hat die Bahn angestellt. Der Verdienst ist gut (rund 2800 Euro Einstiegsgehalt, inklusive Zulagen). Doch die Dienstzeiten sind gewöhnungsbedürftig. Mitunter muss nachts gefahren werden, der Dienstort ist nicht der Heimatort – das ist nicht jedermanns Sache.

Traumberuf

"Allerdings gibt es auch ältere Kollegen, die so gerne fahren, dass sie lieber noch häufiger zum Fahren eingeteilt werden wollen", erklärt Manager Benes. "Pro Jahr werden jedenfalls rund 200 neue Lokführer gesucht."

Seit 2015 gilt ein striktes Verbot, während der Fahrt mit dem Handy zu hantieren. Haas hat seines deshalb eingeklappt neben sich liegen. Da es zuletzt Gerüchte gab, einer der letzten Unfälle habe etwas mit der Nutzung eines Mobiltelefons zu tun gehabt, wurde noch einmal darauf hingewiesen, dass das Handy tabu ist.