Chronik | Wien
01.07.2018

Ein Gotteshaus auf Reisen ist in Aspern angekommen

Eine Notkirche aus Döbling steht nun in Aspern und wird dort als Galerie genutzt

Wenn man sich die „Notgalerie“ beim „Urbanen Feld“ in der Nähe der U2-Station Aspern Nord ansieht, würde man nie daran denken, dass dort vor einigen Jahrzehnten noch Taufen oder Hochzeiten gefeiert wurden.

Die alte Holzbaracke hat eine wahrlich bewegte Geschichte hinter sich. Stand sie doch von 1946 bis 1969 im 19. Wiener Gemeindebezirk. In Döbling war die Baracke als Notkirche (siehe Erklärung unten) gebaut worden. In den mehr als 20 Jahren ihres Bestehens war sie eine der wenigen Kirchen, die es im 19. Bezirk gab. Nachdem in Döbling eine neue Kirche gebaut wurde, musste das Gebäude zum ersten Mal übersiedeln.

„In Aspern war der Bedarf für eine Notkirche gegeben, darum wurde sie in Döbling ab- und in Aspern wieder aufgebaut“, erklärt Künstler Reinhold Zisser, der aktuelle Besitzer der Holzhütte. Auf ihrem neuen Platz wurde die Notkirche bis 2001 genutzt. Danach stand sie 14 Jahre leer und wurde der Natur überlassen. „Eines Tages bin ich dort vorbei gefahren und habe diese Holzbaracke entdeckt und mich erkundigt, wem die gehört“, schildert der Künstler.

Eine große Bäckerei kaufte das Grundstück und wartete auf eine Baugenehmigung. Bis dahin konnte Zisser die Notkirche als Galerie nutzen. „Wegen ihrer Geschichte habe ich sie ,notgalerie’ getauft. Es sollte ein Kunstprojekt werden, bei dem verschiedene Künstler ihre Werke ausstellen konnten.“

Der letzte Umzug

Nachdem 2017 klar war, dass auf dem Gelände doch gebaut werden darf, stand für Zisser fest: „Ich will das Gebäude erhalten.“

Nach Gesprächen mit der Stadt Wien wurde bei der U-Bahn-Station Aspern Nord ein geeigneter Platz gefunden. In mühevoller Kleinstarbeit zerlegten Zisser und einige seiner Freunde die Kirche Stück für Stück. Jedes einzelne Brett wurde gekennzeichnet. Auch das Gerüst wurde komplett übersiedelt.

Nach monatelanger Aufbauarbeit wurde sie pünktlich am 14. Juni fertig. Ein bewusst gewähltes Datum erklärt Zisser: „Wir wollten rechtzeitig zur Fußball-Weltmeisterschaft fertig werden.“

Nicht etwa, um in der Kirche gemütliche Fußballabende zu verbringen, sondern weil die „notgalerie“ einen Kontrapunkt zum Fußball-Trubel setzen sollte. „Auf der einen Seite sieht man den Konsum, das Entertainment und den Fußball. Auf dem Hügel neben dem Public Viewing steht dann aber diese ehemalige Notkirche, die als Kontrastprogramm perfekt dort hin passt“, erklärt Zisser seine Beweggründe.

Platz für Kunst

Neben wechselnden Kunstobjekten und Ausstellungen während der gesamten Fußball-WM will Zisser die Besucher des Public Viewing auch zum Nachdenken bewegen. Darum wird der große LED-Bildschirm, auf dem die Fußballspiele gezeigt werden, während der Pausen von Zisser und seinen Kollegen eingenommen, um darauf ihre Arbeiten und Gedanken zu präsentieren.

An den spielfreien Abenden verwandelt sich das Urbane Feld in ein Sommerkino bei freiem Eintritt, für das die „notgalerie“ eine Vorfilmreihe aus österreichischen Experimentalfilmen zusammengestellt hat.

Darüber hinaus soll es nach der Weltmeisterschaft weitere Ausstellungen geben. Und Zisser ist sich sicher: „Ich denke nicht, dass Aspern die letzte Station der ehemaligen Notkirche sein wird.“

Die Notkirche

Geschichte

Notkirchen wurden vor allem in der Zeit rund um den Ersten und Zweiten Weltkrieg gebaut. Wenn es in einem Gebiet keine Kirche gab oder ein bestehendes Gotteshaus etwa durch Bomben oder Brände zerstört wurde, baute man sie. Die Gebäude waren meist eine  Holzbaracke, die schnell aufgebaut werden konnte. Oft wurden die Notkirchen auch für Taufen oder Hochzeiten gebraucht.

Neubauten

Diese Notfallgebäude mussten nicht immer erst neu gebaut werden. Oftmals wurden auch bestehende Gebäude in Notkirchen umgewandelt.
In Europa waren diese Gotteshäuser gerade in der Nachkriegszeit stark verbreitet, wurden aber so gut wie überall durch Neubauten ersetzt.