Chronik | Wien
14.08.2018

Diese Tricks haben Diebe in der Tasche

Wiener Polizei gründete Ermittlungsgruppe gegen Taschendiebe, die Anzeigen gingen seitdem zurück.

Eine voll besetzte U-Bahn in der Rushhour. Die Fahrgäste drängen nacheinander in den Waggon. Ein älterer Herr mit Kopfhörern bleibt inmitten der Passagiere stehen und hält sich mit seiner rechten Hand in eine der Halteschlaufen fest. Über seine linke Schulter hat der Mann lässig eine Jacke geworfen und schaut seelenruhig in die Luft. Was die Frau hinter ihm nicht bemerkt: Er durchwühlt gerade blind mit der verdeckten Hand ihre Tasche.

Es ist nur einer von vielen Maschen, die Taschendiebe anwenden. Eine auf diese Delikte spezialisierte Einheit kennt die Tricks und legt den Langfingern seit 2009 das Handwerk: die ARGE Taschendiebstahl im Landeskriminalamt Wien. „Es ist zwar eine nach außen hin weniger spektakuläre Form der Kriminalität. Es ist aber so, dass es jeden von uns treffen kann“, schildert Gruppenführer Norbert Kappel.

Die meisten Täter sind professionell ausgebildet und gehen in Gruppen vor – oft nur zu zweit. „Einer von ihnen ist der sogenannte Zieher, der eigentliche Taschendieb“, erklärt Bernhard Pogotz. Der andere Täter ist nur für die Ablenkung zuständig. Sehr professionelle Täter arbeiten alleine, wie beim eingangs erwähnten Diebstahl. 1000 Euro erbeutet ein Langfinger im Durchschnitt pro Tag. Touristen sind besonders betroffen. „Der Tourist widmet dem Stephansdom mehr Aufmerksamkeit als dem, was er mithat“, sagt Kappel.

Von Bank aus verfolgt

In den vergangenen Jahren hat sich vor allem der sogenannte Bankanschluss-Diebstahl etabliert. Hier spähen die Täter meist ältere Kunden aus und verfolgen sie bis zur Haustür. „Dort geschieht dann der eigentliche Taschendiebstahl“, schildert Herwig Gründl. Die Opfer werden abgelenkt, und das behobene Geld entwendet. In einem Fall wurden 45.000 Euro erbeutet. Insgesamt konnten heuer bisher 74 solcher Delikte mit einem Gesamtschaden von mehr als 210.000 Euro geklärt werden.

Den größten Erfolg konnte die Ermittler gegen eine bosnisch-kroatische Tätergruppe erzielen. Die Hintermänner schickten zumeist minderjährige Mädchen in verschiedene europäische Städte – auch nach Wien. 250 Diebinnen wurden ausgeforscht; der Gesamtschaden belief sich auf rund eine Millionen Euro. Heuer wurden zwei solcher Täterinnen gefasst.

68 Fälle täglich

Laut den Ermittlern lag die Aufklärungsquote bei Taschendiebstählen in den vergangenen drei Jahren bei gerade einmal sieben Prozent – das klingt wenig, ist aber laut den Ermittlern im internationalen Vergleich ein Top-Wert. 2017 sind österreichweit 25.065 Taschen- und Trickdiebstähle angezeigt worden; täglich waren es rund 68 Fälle. Zwei Drittel der Anzeigen werden in Wien erstattet. Im Halbjahr war die Innere Stadt mit 1450 Fällen Spitzenreiter, gefolgt von Favoriten mit 730 Anzeigen.

„Die Videoüberwachung ist unsere größte Waffe“, schildert Chefinspektor Kappel. Doch auch die konnte schon ausgetrickst werden. In einem der Fälle hatte ein Verdächtiger seine Hand mit einer Zeitung so bei einem Haltegriff in der U-Bahn platziert, dass er damit die Sicht auf einen Diebstahl versperrte.

Um sich vor Taschendiebstählen zu schützen, rät Kappel dazu, generell „ein gewisses Misstrauen an den Tag zu legen.“ Misstrauisch sollte man auch sein, wenn ein Unbekannter vor einer Rolltreppe etwas fallen lässt. Meist handelt es sich hier um einen beliebten Trickdiebstahl. Ein Täter verursacht einen Fußgänger-Stau, der „Zieher“ entwendet dann hinterrücks die Wertgegenstände.

Weitere Tricks

„Jeder Trickdieb hat eigene Maschen und meistens mehrere davon“, erklärt Vincenz Kriegs-Au vom Bundeskriminalamt. Eine davon ist der „Beschmutzer-Trick“: Die Täter verunreinigen  ihre Opfer mit Lebensmitteln und geben vor, sich  entschuldigen oder beim Reinigen helfen zu wollen, dabei greifen sie in die Taschen. Sie setzen auch eine Masse ein, die wie Vogelkot aussieht.  

Beim „Ronaldo-Trick“, der vor ein paar Jahren häufig angewendet wurde, verwickeln die Täter in ein Gespräch über den Fußballer. Sie legen den Abgelenkten den Arm um  und bestehlen sie. Opfer  seien oft Touristen, „da es diesen schwerfällt,  nach Hilfe zu rufen, zudem sind sie gutgläubiger“, so Kriegs-Au. Das nutzen die Diebe aus und geben sich als Polizisten aus, die   Falschgeld suchen.  Oder die Täter geben sich selbst als Touristen aus, verdecken dabei mit Stadtplänen  die Sicht auf Taschen. Das versuchen sie auch mit Zeitungen.  Ebenso sollte man auf  Autobahnen bei vermeintlichen Pannenhilfen vorsichtig sein.

Von Daniel Melcher und Konstantin Auer