"Der Todesschlosser von Wien"

Schlosser Michael Bübl
Foto: KURIER/Gilbert Novy Schlosser Michael Bübl, Wien am 01.02.2017

Michael Bübl hat an die 100.000 Wohnungen geöffnet. Viele hielten bittere Überraschungen bereit.

Die Nachricht von einer Gasexplosion in Wien-Hernals sorgte vergangene Woche für Schlagzeilen. Der Vorfall ereignete sich im Zuge einer Delogierung. Ein Mieter steht in Verdacht, die Gasleitung manipuliert zu haben. Ein Hausverwalter starb. Unter den drei Schwerverletzten war auch ein Schlosser.

Als Michael Bübl von dem Zwischenfall erfuhr, musste er schwer schlucken. Der 51-Jährige kennt den betroffenen Schlosser gut. Bübl ist auch Schlossermeister, hatte früher eine Firma und hat an die 100.000 Türen geöffnet. Oft kam er dabei in brenzlige Situationen. "Vielen ist das nicht bewusst", sagt Bübl, "aber unser Beruf ist gefährlich." Schließlich ist der Schlosser derjenige, der unmittelbar vor der Tür steht. Einmal wurde auch Bübl das fast zum Verhängnis.

Der Apparat

Schlosser Michael Bübl Foto: KURIER/Gilbert Novy Der Wiener war zu einem desolaten Gründerzeithaus gerufen worden; die Fassade war bröckelig, das Stiegenhaus marod. Mit dem Gerichtsvollzieher, dem Verwalter und den Mitarbeitern des Transportunternehmens ging es zur Türnummer 51. Dort schlug der Gerichtsvollzieher mit einer Münze (um die Knöchel zu schonen) an das Türblatt und rief den Namen des Mieters. Keine Reaktion.

"Der ist sicher nicht da. Der hat seit neun Monaten keinen Cent bezahlt", meinte der Hausverwalter und ergänzte an Bübl gewandt: "Schlosser, fangen Sie an." Mit der linken Hand zog Bübl daraufhin das morsche Türblatt zu sich, mit der rechten setzte er den Sperrhaken an und drehte ihn. Klick. Das Schloss war offen.

Da fiel Bübl der Dietrich aus der Hand. Ein Missgeschick, das ihm möglicherweise das Leben rettete. Er bückte sich, um den Haken aufzuheben, und stieß mit dem Knie die Tür auf. In dem Moment erfüllte ein ohrenbetäubender Krach das Stiegenhaus. Der Schlosser taumelte benommen zur Seite, Blut tropfte aus seinem Ohr. Wie durch einen Schleier nahm er wahr, wie die Cobra die Wohnung stürmte; er selbst wurde ins Spital gebracht. Später erfuhr er, was sich in der Wohnung zugetragen hatte: Der Mieter hatte ein Jagdgewehr am Küchentisch befestigt und den Abzug durch eine Schnur mit der Türklinke verbunden. Den Lauf hatte er auf die Eingangstür gerichtet. Wäre Bübl aufrecht gestanden, hätte ihn der Schuss vielleicht tödlich verletzt. Danach ließ er äußerste Vorsicht walten, wenn er bei einer Delogierung eine Tür öffnen musste.

der todesschlosser von wien… Foto: /Wolfgang Bübl Aber nicht nur die Gefahr, auch die hoffnungslosen Szenen machten Bübl bei diesen Terminen zu schaffen. "Niemand ist so abgebrüht, dass einem das nicht nahegeht." An Tagen mit 30 Delogierungen war seine Arbeit meist nur in ein, zwei Fällen vonnöten. Die meisten Personen verließen ihr Zuhause freiwillig. In manchen Fällen wurde niemand mehr angetroffen. Aber es gab auch Personen, die sich mit Händen und Füßen wehrten, die schrien, bissen oder sich am Türstock festklammerten. Und einige taten sich etwas an. Der Mieter, der den Schussapparat gebastelt hatte, hatte sich kurz vor der Delogierung das Leben genommen.

Hilfsorganisationen wie die Caritas oder das Neunerhaus sind seit Jahren darum bemüht, Delogierungen zu verhindern. "Es geht um die persönliche Situation, das soziale Netz, aber auch gesellschaftliche Faktoren", sagt Klaus Schwertner, Generalsekretär der Wiener Caritas. Denn die Zahl der Menschen, die von akuter Obdachlosigkeit bedroht sind, steigt.

Kein Aufsehen erregen

Auch abseits von Delogierungen war der Tod für Bübl lange Zeit ständiger Begleiter. "Angehörige, die Schlimmes vermuten, rufen oft lieber uns als Polizei oder Rettung." Blaulicht und Folgetonhorn würden nur Schaulustige anlocken. Rund 100 Leichen hat Bübl in seinem Leben gesehen. Viele von ihnen seien Opfer der Einsamkeit gewesen.

Einmal öffnete er eine Wohnung, die leer und sehr aufgeräumt war. Stutzig wurden Bübl und die Auftraggeberin dann bei der dreckigen Badewanne. Als die Freundin des Vermissten den Schmutz angriff, schrie sie vor Schmerzen auf. Es war Schwefelsäure. Der Mann hatte sich darin aufgelöst.

Manchmal waren die Leichen nur wenige Tage alt, manchmal lagen sie seit Monaten in der Wohnung – und in einem Fall wurde eine "Mumie" erst nach sieben Jahren gefunden. Kurze Zeit nachdem Bübl diese Tür aufgebrochen hatte, wimmelte es in der Wohnung vor Beamten.

"Es ist interessant, wie viele Personen sich um die Toten kümmern", dachte sich Bübl damals. "Als sie noch gelebt haben, hat sich lange Zeit niemand für sie interessiert."

Türen öffnen

Schlosser Michael BüblDer Wiener war 16 Jahre als Schlosser tätig.   In seinem Buch „Geheimwissen Schlüsseldienst“ erklärt er, wie man Schlösser öffnet. In seinem neuen Werk „Der Todesschlosser von Wien“ berichtet er von der   düsteren Seite seines Berufs.

Hilfe bei Delogierung

Unter www.help.gv.at gibt es   eine Übersicht der Angebote
in ganz Österreich. Die Sozialberatungsstellen der Caritas unterstützen Menschen mit in sozialen und finanziellen Notlagen.  Das P7 ist zentrale  Erstanlaufstelle für wohnungslose Menschen in Wien: 01/892338.

(kurier) Erstellt am
Posts anzeigen
Posts schließen
Melden Sie den Kommentar dem Seitenbetreiber. Sind Sie sicher, dass Sie diesen Kommentar als unangemessen melden möchten?