Das Schloss Wilhelminenberg - heute ein Hotel, prägte es einst als Kinderheim das Schicksal Tausender Wiener Kinder

© APA/HERBERT PFARRHOFER

Heimskandal
04/13/2014

Der Kriminalfall Wilhelminenberg

Der Staatsanwalt ermittelt. Das Vorverfahren im Landesgericht Wien gegen ehemalige Erzieherinnen hat begonnen.

von Georg Hönigsberger

Vorbereitung auf einen Prozess gegen Erzieherinnen des 1977 geschlossenen Kinderheims am Wiener Wilhelminenberg sind am Laufen. Die Staatsanwaltschaft leitet ein Ermittlungsverfahren mit 16 Beschuldigten.

Vergangenen Mittwoch wurden die Vernehmungen am Wiener Landesgericht fortgesetzt; und der Schreiber dieser Zeilen des Verhandlungssaales verwiesen. Kurioserweise aber erst nach der via Video √ľbertragenen (so genannten kontradiktorischen) Stellungnahme eines ehemaligen Heimkindes.

"Solche Geschichten..."

Zuvor haben vier Beschuldigte den Verhandlungssaal 210 im Landesgericht betreten. ‚ÄěDie kann sich net amal erinnern, wann sie im Heim war und erfindet solche Geschichten‚Äú, wei√ü Gerlinde R., 71, eine der Beschuldigten, schon vor Verhandlungsbeginn √ľber jene Frau, die als Zeugin auftreten wird.

Rauswurf

Gerlinde R. und ihre drei Sitznachbarinnen haben eine gemeinsame Vergangenheit: Sie waren in den 1960er- bzw. 70er-Jahren Erzieherinnen im Kinderheim Wilhelminenberg. Am Mittwoch teilten sie sich eine Bank im Gerichtssaal. √úber den weiteren Ablauf muss leider aus rechtlichen Gr√ľnden der Mantel des Schweigens gebreitet werden, weil die Einvernahme nicht √∂ffentlich war. Darauf wurde der einzige Gast (und Journalist) im Saal erst nach rund einer Stunde vom Richter hingewiesen und musste den Saal verlassen.

Das ehemalige Kind vom Wilhelminenberg, eine 57-j√§hrige Frau aus Wien, stand dem KURIER nach der Verhandlung Rede und Antwort und schilderte im Beisein ihrer Psychotherapeutin, was sie vor allem Erzieherin Gerlinde R. vorwirft: ‚ÄěWenn man gelogen hat, hat sie einen ins Waschbecken getaucht. So lange, bis man keine Luft mehr bekommen hat. Immer und immer wieder.‚Äú

Gerlinde R., bekannt als ‚ÄěSchwester Linda‚Äú, habe sie an den Haaren vom Stockbett heruntergezogen, sodass sie auf den R√ľcken geknallt sei. Ihre extremen R√ľckenbeschwerden f√ľhrt die 57-J√§hrige auf die Zeit am Wilhelminenberg, wo sie neun Jahre ihrer Kindheit verbrachte, zur√ľck. An Misshandlungen anderer Erzieherinnen k√∂nne sie sich nicht erinnern.

Dank und Anerkennung

Vor allem gegen Gerlinde R., die 1988 mit Dank und Anerkennung in den Ruhestand geschickt worden ist, gibt es massenhaft Vorw√ľrfe ehemaliger Heimkinder.

So sagte Eva L. (Name von der Redaktion ge√§ndert), die im Herbst vor der Staatsanwaltschaft ausgesagt hat: ‚ÄěDie Schlimmste, die Linda, hat auf jeden Fall davon gewusst, dass wir vergewaltigt wurden.‚Äú Ihre Schwester schildert, dass Kinder von Linda mit nassen Handt√ľchern verpr√ľgelt wurden.

Vergewaltigung und Brutalität

Judith L. wiederum, die am kommenden Mittwoch aussagen wird, sagte im KURIER: ‚ÄěWir wurden haupts√§chlich von Linda aus dem Zimmer geholt und dann von M√§nnern vergewaltigt.‚Äú Jutta H., die am Dienstag ihre Aussage macht, meint: ‚ÄěIch w√ľrde Linda fragen, was sie empfunden hat, was man da einem Kind angetan hat, ob sie kein Herz im Leib hat. Jetzt hei√üt es nur, ,es ist verj√§hrt‚Äė. Nicht nur die Vergewaltigungen, auch die Brutalit√§t: Wir wurden geschlagen, eingesperrt, ins Wasser getunkt.‚Äú

Nach den n√§chsten Einvernahmen wird die Staatsanwaltschaft entscheiden, ob es zu einem Prozess kommt. W√§hrend Anwalt Erich Schillhammer davon ausgeht, dass die Suppe f√ľr ein Verfahren zu d√ľnn ist (siehe unten), hofft Opfer-Anwalt Johannes √Ėhlb√∂ck, die Verj√§hrungsfrist durch die Aussagen der Betroffenen zu Fall zu bringen.

Gerlinde R. wies bereits vor zweieinhalb Jahren im KURIER alle Vorw√ľrfe zur√ľck.

Scheitert Prozess an Verjährung?

KURIER: Herr Dr. Schillhammer, wie sehen Sie das Wilhelminenberg-Verfahren?
Ernst Schillhammer: Die Staatsanwaltschaft hat das Ermittlungsverfahren sehr sorgfältig vorbereitet. Es gibt sehr viele kontradiktorische Einvernahmen.

Die Opfer können sich meist nur mehr sehr grundsätzlich an Dinge im Kinderheim erinnern. So können sie sich kaum noch an Namen erinnern und einzelne Geschehnisse nur mehr sehr rudimentär wiedergeben.

Inwieweit spielt die Verjährung von Straftaten eine Rolle?
Die Handlungen, die bisher geschildert wurden, w√§ren schon verj√§hrt. Dass es am Wilhelminenberg Handlungen mit Todesfolge gegeben h√§tte ‚Äď hier w√ľrde es unter Umst√§nden keine Verj√§hrungsfristen geben ‚Äď daf√ľr gibt es keine wie auch immer gearteten Anzeichen.
Das heißt, es wird keine Verurteilungen geben?
Da konkret keine Handlungen mit Todesfolge genannt wurden, ist aus meiner Erfahrung davon auszugehen, dass es zu keinem Hauptverfahren kommt.

Wie geht es Ihnen persönlich mit den oft sehr nahegehenden Schilderungen der ehemaligen Heimkinder?
Als Strafverteidiger, Staatsanwalt oder Richter ist man oft in der schwierigen Situation, dass man ja auch Mensch ist, dem solche Dinge nahe gehen. Aber man hat auch eine professionelle Aufgabe. Und diese Aufgabe ist es hier, die Funktionen, die das Gesetz zuschreibt, verantwortungsvoll zu erf√ľllen.

Vom KURIER-Bericht zum Ermittlungsverfahren

16. Oktober 2011: In einem ausf√ľhrlichen KURIER-Interview schildern zwei ehemalige Heimkinder des Kinderheims Wilhelminenberg grausame Behandlungsmethoden und jahrelangen sexuellen Missbrauch in den 1970er-Jahren.

18. Oktober 2011: Die damalige Erzieherin ‚ÄěSchwester Linda‚Äú Gerlinde R. weist im KURIER-Gespr√§ch s√§mtliche Vorw√ľrfe zur√ľck.

20. Oktober 2011: In den vier Tagen nach dem ersten KURIER-Bericht haben sich 150 weitere Betroffene von Gewalt in Wiener Kinderheimen bei der Hilfsorganisation Weisser Ring gemeldet.

21. Oktober 2011: Die Stadt Wien gibt als ehemalige Betreiberin des Heimes die Gr√ľndung der Kommission Wilhelminenberg unter dem Vorsitz der Richterin Barbara Helige bekannt.

31. Oktober 2011: Das f√ľr dieses Datum geplante Ende der Meldefrist f√ľr Opfer von Misshandlungen in Heimen wird von der Stadt Wien auf unbestimmte Zeit aufgehoben.

17. Februar 2012: Die Stadt Wien erf√ľllt eine jahrelange Forderung der Kinder- und Jugendanwaltschaft - ein eigener Ombudsmann f√ľr betreute Kinder und Jugendliche wird besch√§ftigt.

20. Juni 2012: Der Sozialhistoriker Reinhard Sieder, der im Auftrag der Stadt √ľber die Wiener Heimerziehung geforscht hat, spricht bei der Ver√∂ffentlichung seines Berichtes von einer ‚Äěnationalen Katastrophe‚Äú.

27. Juli 2012: Die Stadt Wien verk√ľndet, k√ľnftig keine Kinder mehr in bestehende Heime schicken zu wollen. Der Vertrag mit dem letzten Heim in Stiefern am Kamp, N√Ė, l√§uft im Sommer 2014 aus.

12. Juni 2013: Der Endbericht der Kommission Wilhelminenberg wird pr√§sentiert. Vielfacher sexueller Missbrauch und Gewalt im Heim Wilhelminenberg werden best√§tigt, Namen mutma√ülicher T√§ter werden der Staatsanwaltschaft weitergeleitet. Fast 2000 ehemalige Heimkinder haben mittlerweile bei der Stadt Wien um Unterst√ľtzung angesucht.

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