Illegale Bordelle werden nach ihrer Schließung behördlich versiegelt. Sie dürfen danach nicht mehr betreten werden.

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Prostitution
02/23/2014

Der Freier mit der Polizeimarke

Die Wiener Polizei hebt mit verdeckten Ermittlern illegale Bordelle aus. Ein heikles Unterfangen.

von Nihad Amara

Die Wunderwaffe der Wiener Polizei gegen illegale Bordelle ist 1,75 Meter groß, trägt Jeans und einen hellblauen Pulli. Nennen wir ihn Franz Krainer.

Donnerstag, 14 Uhr, Wien-Neubau: Erster Stock, Top 4. Krainer klingelt, verschwindet dann in der Altbauwohnung. Laut dem Türschild residiert hier ein luxuriöser Massagesalon.

"Schuhe ausziehen", sagt eine Frau. Eine Zimmertür fällt ins Schloss. "Cola, Fanta, Sprite?", fragt die Frauenstimme. Krainer wählt Cola, bevor die entscheidenden Sätze fallen. Es geht um Sex und den Preis dafür. "150 Euro" für das volle Programm.

Im Halbstock hallen die Sätze durch den Raum. Ein Kriminalist hat via Handy den vermeintlichen Freier belauscht. Vermeintlich? Krainer ist ein verdeckter Ermittler. Einen Augenblick später klingelt es erneut. Diesmal lauter, länger. Die "Salon"-Tür geht auf, Wolfgang Langer, ein groß gewachsener Polizeijurist, zwei Kriminalisten und eine Beamtin treten ein. Langer, der Chef des Prostitutionsreferats der Polizei, stellt sich vor und sagt: "Ihr Lokal wird behördlich geschlossen."

Für Langer ist es eine neue Phase in einem langwierigen Prozess: Sein Team ist hauptverantwortlich für die Umsetzung des Wiener Prostitutionsgesetzes. Sie setzten strenge Regeln in einem Milieu durch, das lange Zeit nur seine eigenen kannte. Rund 450 Bordelle gab es vor der Ende 2011 in Kraft getretenen Novelle. Nun sind es nur mehr 263 bewilligte Etablissements, für 28 läuft das Verfahren. Geprüft wird alles, von A für die Abluftanlage bis zu Z für das Ziviltechniker-Gutachten. Viele ließen die Rollbalken runter.

Jetzt geht es um jene, die versteckt oder gut getarnt ihr Lokal betreiben. 14 solcher Betriebe schlossen die Beamten bereits. Das Landesgesetz gibt der Exekutive hierfür ein großzügiges Ermittlungsinstrument – den Einsatz von verdeckten Ermittlern. "Das ist nötig, weil das schwierige Amtshandlungen sind", sagt Langer.

"Nur Massagen"

Ein Rundgang in der sanierten Altbauwohnung zeigt, weshalb das so ist. Duftkerzen und Vasen zieren Abstellflächen, in einer Vitrine reihen sich Glasfläschchen mit Essenzen wie der weißen Waldrebe. An der Wand hängt ein Diplom zur "Aromaberaterin", in den schmucken Zimmern sind Massage-Liegen. Geworben wird im Internet mit halb nackten Frauen und Wellness. Dazu kommt noch eine selbstbewusste Frau, die sich als Chefin der fünf "Masseurinnen" vorstellt: "Wir machen nur Massagen!" Nichts weist explizit darauf hin, dass hier Sex angeboten wird.

Krainer spielt weiterhin den Freier. Seine Personalien werden notiert. Zum Abschied sagt er noch: "Bitte schicken Sie mir keine Ladung. Ich bin verheiratet." Dann verschwindet er. Sein Unterfangen war heikel. Ein verdeckter Ermittler darf niemanden zu einer illegalen Tat anstacheln. Deshalb hat er zugewartet, bis die "Masseurin" die Details ansprach.

Der Zugriff war kein Schnellschuss. Die Beamten hatten schon Freier befragt, das Haus observiert, die Homepage-Inhalte kopiert. In der Wohnung sichern sie Beweise: Sie fotografieren die spärliche Kleidung der Frauen, suchen nach gebrauchten Kondomen. "Das Tiefkühlfach", sagt ein Beamter, "ist ein beliebtes Versteck". Fündig wird er nicht.

"Mehr Zwang"

Wie viele Geheimbordelle es in Wien gibt, weiß auch Langer nicht. In illegalen Lokalen, sagt er, sei "der Anteil an Zwangsverhältnissen größer". Der Jurist meint sowohl ökonomische als auch physische, also strafrechtlich relevante Zwänge.

Im Vorraum überreicht die Chefin Langer ein Handy. "Unser Anwalt", sagt sie. Langer klärt ihn auf, kündigt die Anzeige an, überreicht dann der Frau ein Info-Blatt. Sie kann Berufung einlegen.

Die Frauen packen ihre Sachen. Ihnen droht eine Anzeige wegen illegaler Prostitution. In die Wohnung, die versiegelt wird, dürfen sie nicht mehr zurück. "Es geht nicht um Strafen. Wir wollen sie in die Legalität bringen", sagt ein Kriminalist.

Als Letzte räumt die Chefin ihren Salon. Sie macht die Kerzen aus, dreht das Licht ab. Dann bringt Langer den "Versiegelt"-Aufkleber an der Tür an. Für ihn war es ein Erfolg: "In keinem illegalen Bordell kann man sich sicher sein, dass wir nicht vor der Tür stehen."

FAKTEN: Das Wiener Rotlicht

Bordelle benötigen eine Genehmigung, Betreiber müssen "zuverlässig" – keine einschlägigen Vorstrafen – sein. Straßenprostitution ist im Wohngebiet verboten, im Grünland und Betriebsgebiet erlaubt.

263 Bordelle sind bewilligt, 28 im Verfahren. Vor dem neuen Gesetz waren es 450. 3400 Prostituierte sind gemeldet.Die Hälfte ist aktiv.

Rechtsprechung. Im heimischen Rotlicht rumort es gewaltig. Der Grund dafür ist ein einheitlicher Schrieb der Finanzämter, der in diesen Tagen bei Bordellbetreibern eintrudelt. Ab 1. April, so steht es geschrieben, werden Sexarbeiterinnen in "Bordellen", "Saunaclubs" und "Massagestudios" steuerrechtlich nicht mehr wie Selbstständige, sondern wie Arbeitnehmerinnen behandelt – sprich: Sie sind lohnsteuerpflichtig.

Der Fiskus beruft sich dabei auf die neueste Rechtsprechung. Diese befasste sich mit einem Bordellbetreiber, der wegen eines Bescheids bis vor den Verwaltungsgerichtshof zog. Das oberste Gericht bestätigte, dass seine Prostituierten wie Angestellte arbeiten würden.

Zuhälterei

Das könnte viele Probleme nach sich ziehen. Das berichtet Herr G., ein Urgestein im oberösterreichischen Rotlicht. Bisher führten Frauen, die in seinen Lokalen tätig waren, eine 250 Euro Pauschale über ihn ab. Zukünftig müsste er rund 1000 Euro Lohnsteuer einbehalten und abführen. Der Teufel liegt laut G. im Detail: "Wenn ich das Geld einbehalte, mache ich mich strafbar." Nach gängiger Rechtsansicht würde das den Tatbestand der Zuhälterei erfüllen.

Mit einer Anstellung seien Frauen auch weisungsgebunden, sagt Christian Knappik, Sprecher der Plattform sexworker.at. "Das darf es nicht geben." Sei der Bordellbetreiber der Chef, gehe dies zulasten der Selbstbestimmung. Frauen könnten nicht selbst entscheiden, wie sie arbeiten.