"Aktion scharf" oder doch Freigabe?

EPAepa01725012 A participant rolls a joint during the Cannabis World Rally 2009 at the Puerta del Sol in Madrid, central Spain, 09 May 2009. The demonstrators asked for the legalization of cannabis and demanded respect to the cannabis users.  EPA/JUAN CAR
Foto: EPA

Drogen-Schwerpunkt in der Wiener U-Bahn - und 13.000 Unterschriften für die Hanf-Freigabe.

Die Polizei ist wie der FC Bayern München“, erklärt Oberstleutnant Manfred Ihle, Chef  der Bereitschaftseinheit. „Elf Spieler sieht man, aber im Hintergrund arbeiten viel mehr – etwa Zeugwarte oder der Platzwart.“

So wie der berühmte Fußball-Club ist seit Dienstag auch die Wiener Polizei – bei einer Großaktion gegen die Drogenkriminalität – aufgestellt. Rund 150 Uniformierte und Beamte in zivil plus Hunde strömen drei Tage lang aus. Manche gut sichtbar, andere im Hintergrund. Gleich am ersten Tag wurden 267 Personen kontrolliert, elf davon festgenommen, sechs wegen Suchtgifthandels.

Ihle ist sichtlich zufrieden mit der Ausbeute: „Wir hatten hier schöne Erfolge.“ Polizeikontrollen in der Wiener U-Bahn Foto: KURIER/Jeff Mangione Vor allem die U4 und die U6 sind im Visier der Wiener Polizei   

Kampf ohne Sieger

Dass der Krieg gegen die Drogen von der Polizei restlos zu gewinnen ist, glaubt Ihle allerdings nicht: „Drogenhandel wird es immer geben“, sagt er. Der Polizei ist es allerdings gelungen, „dass es derzeit keine verdichtete Szene an einem Ort gibt“. Früher waren es etwa bestimmte Lokale, wo jedes Kind wusste, dass man Cannabis kaufen kann. Später konzentrierte sich die Szene im Stadtpark.

„Heute ist es nicht mehr so leicht wie früher möglich, an Drogen zu kommen. Es wird weniger augenscheinlich gehandelt“, sagt Ihle. Der Bevölkerung und Dealern wird mit den alle paar Monate stattfindenden Schwerpunktaktionen gezeigt, „dass man aktiv ist“. Der Lohn sei derzeit in vielen Anrufen bei der Polizei zu messen: Fahrgäste freuen sich über die Präsenz in der U-Bahn.

Der Drogenhandel in Wien konzentriert sich derzeit vor allem auf die U4, die U6, die Gumpendorfer Straße, den Praterstern und die Josefstädter Straße. Gestiegen ist in den vergangenen Jahren  die Zahl der Plantagen in Wohnungen. Offenbar auch eine Folge der nicht mehr an einem Ort sitzenden Drogenszene.

Die in Österreich sichergestellten Rauschgifte sind vor allem Cannabis, gefolgt von Kokain und Heroin. Crystal Meth taucht mittlerweile auch vereinzelt auf der Straße auf. Ein Blick auf die Statistik des Bundeskriminalamtes zeigt: Von rund 28.000 Amtshandlungen im Zusammenhang mit Drogen betrafen im Vorjahr 23.000 Haschisch und Marihuana. 

Cannabis - seit Tausenden Jahren bekannt:

Ursprünglich ist Cannabis der wissenschaftliche Name der Pflanzengattung Hanf, er gilt aber auch als Überbegriff für die Hanfprodukte Haschisch und Marihuana. "Bereits vor 6.000 Jahren wurde der Hanf als Textilmaterial genutzt, ebenso lange bekannt sind die psychotropen Eigenschaften des Cannabis", heißt es auf der Homepage der Wiener Beratungsstelle "checkit!". Dementsprechend wurde das Rauschmittel auch mit religiösen Ritualen in Verbindung gebracht. Cannabis war im Hinduismus dem Gott Shiva geweiht und im rituellen Gebrauch sowie in der traditionellen Medizin Asiens als Beruhigungs- oder Betäubungsmittel in Verwendung. In der modernen Medizin gewann Cannabis, insbesondere bei der Behandlung von Glaukompatienten (Grüner Star) sowie zur Unterdrückung des Brechreizes und zur Appetitanregung bei Krebs- und Aids-Patienten und in der Schmerztherapie an Bedeutung. Tetrahydrocannabinol (THC) ist der wichtigste psychoaktive Wirkstoff der rund 400 unterschiedlichen chemischen Substanzen der Hanfpflanze. Die höchste THC-Konzentration befindet sich im Harz der weiblichen Blütenstände. Haschisch ("Dope", "Shit)" besteht aus dem Harz der Blütenstände der Cannabis-Pflanze, ... … während Marihuana ("Gras", "Ganja") aus einem Gemisch aus zerriebenen Blättern, Blüten und Stengelstücken der Hanfpflanze besteht.
  Die psychoaktiven Effekte von Cannabis hängen von der Dosis, dem Aufnahmeweg, den äußeren Gegebenheiten sowie der Erfahrung und Erwartung der Konsumenten ab und können dadurch recht unterschiedlich sein. Neben einer Veränderung des Zeitempfindens werden vor allem Gefühlszustände und Sinneseindrücke verstärkt. Der Cannabiskonsum kann zu einem gesteigerten Wohlbefinden und Appetit, erhöhter Sensibilität, einer leichten Euphorie, zu Heiterkeit oder Entspannung und Halluzinationen führen. Die euphorische Phase hält etwa ein bis zwei Stunden an und klingt dann langsam ab. Obwohl die meisten Cannabis-Effekte nur wenige Stunden spürbar sind, befindet sich nach 20 Stunden noch immer die Hälfte des aufgenommen THC im Blut. Cannabis-Konsum hat auch negative Effekte - ganz so wie alle Drogen und Genussmittel ist das dosisabhängig. Es kommt zu einem Anstieg von Herzschlag- und Pulsfrequenz, Rötung der Augen durch die Erweiterung der Blutgefäße etc. Negative Effekte wie Schwindelgefühle, Übelkeit und Erbrechen treten vor allem bei erstmaligem Konsum auf. Während der akuten Wirkung von Cannabis kommt es zur Einschränkung der kognitiven Leistungsfähigkeit - vor allem die Gedächtnisleistung, die Aufmerksamkeits- und die Konzentrationsleistungen sind davon betroffen. Chronischer Cannabiskonsum kann zu einer psychischen Abhängigkeit führen. Bei langfristigem, täglichen Gebrauch können Aktivitätsverminderung, Motivations- und Interessenverlust auftreten. Eine leichte Beeinträchtigung des Kurzzeitgedächtnisses nach chronischem Cannabiskonsum kann noch sechs bis zwölf Wochen nach Konsumende beobachtet werden. Nie sollte Cannabis bei Herzbeschwerden oder Herzerkrankungen, bei Ängstlichkeit und psychischen Problemen konsumiert werden. Auch hat der Konsum während der Schwangerschaft negative Folgen für die Gehirnentwicklung des ungeborenen Kindes.
Initiative

Von Ärzten bis Mathematikern: Rufe nach der Legalisierung

Bei meinen Konzerten haben immer die Alkoholiker randaliert, niemals die Eingekifften“, sagt der niederösterreichische Sänger und KPÖ-Politiker Sigi Maron. Er ist einer von bereits rund 13.000 Menschen, die die Parlaments-Bürgerinitiative für die „Herausnahme von Cannabis aus dem Suchtmittelgesetz“ unterschrieben haben. Auf dieser Liste sind Primarärzte, Unternehmensberater oder Mathematiker zu finden – Politiker bisher nur von der KPÖ.

Auch die praktische Ärztin Barbara Riccabona aus Linz gehört zu den Befürwortern: „Ich habe in den 60er- und 70er-Jahren in einer WG gewohnt. Im einen Bereich haben die Iraner friedlich Karten gespielt und es hat immer nach diesem bestimmten Rauch gerochen. Bei uns gab es Alkohol, da wurde gespieben, und es wurden Gläser herumgeworfen.“

Damals sei ihr klar geworden, dass Haschisch und Marihuana die bessere Sache seien. „Meine Kinder haben das geraucht, aber mir selber ist schlecht geworden. Ich trinke lieber ein Glas Rotwein“, meint Riccabona.

Initiiert wurde das Begehren von Bernhard Amann, einem Stadtrat für die Partei „Die Emsigen“ im Vorarlberger Hohenems. Großer Unterstützer ist auch das Wiener Hanf-Institut. „Das wichtigste wäre einmal, dass Cannabis für die Schmerzpatienten freigegeben wird“, sagt deren Vorstand Toni Straka. Er war selber im Jahr 2007 Schmerzpatient in Kanada, in dieser Zeit durfte er Marihuana konsumieren.

Vorbild Colorado

Die Entkriminalisierung von Cannabis ist weltweit im Trend. Denn die Mär von der Einstiegsdroge ist längst entkräftet, praktisch alle Suchtgiftkarrieren beginnen eigentlich mit Alkoholkonsum.

Tschechien, Uruguay oder Brasilien haben in den vergangenen Jahren ihre Gesetze gelockert, Luxemburg diskutiert derzeit. Im US-Bundesstaat Colorado ist seit Jänner der Konsum ab 21 Jahren freigegeben. Seither herrscht  Goldgräberstimmung und der Staat rechnet allein heuer mit Hunderten Millionen Euro an Steuereinnahmen. Sogar die Grundstückspreise für Lagerhallen sind gestiegen, weil die Suche nach Anbauflächen immer größere Ausmaße annimmt. Es gibt Verkaufsstände, die nur zwei Tage pro Woche offen haben, weil sie dann gleich ausverkauft sind. Das beantwortet zumindest die Frage, ob es Bedarf gibt. 

Hintergrund

Hanf – Die Geschichte einer Droge

Ursprung: Bereits vor 8000 Jahren wurde Cannabis als Lebensmittel eingesetzt. 2737 v. Chr. wird es erstmals als Arznei gegen Verstopfung und Malaria in einem chinesischen Buch beschrieben. Im 19. Jahr- hundert war Cannabis das am häufigsten verschriebene Medikament. Später wird Hanf zur Nutzpflanze für Seile, Papier und Textilien.

Verbot: Der Druck kam vor allem aus den USA, wo 1936 eine Zeitung eine Kampagne  gegen die Droge führte, die vor allem rassistische Motive (gegen Afrikaner und Mexikaner) hatte. Außerdem gab es eine riesige Behörde, die nach dem Ende der Alkohol- Prohibition eine neue Aufgabe suchte.

Rechtslage in Österreich: Seit den 1960er-Jahren wird Cannabis im Suchtmittelgesetz aufgeführt. Jeglicher Besitz ist strafbar, der Konsum nicht. Bei geringen Mengen kann die Staatsanwaltschaft das Verfahren einstellen. Handel ist mit bis zu 20 Jahren Haft bedroht. 

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(kurier) Erstellt am
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