Chronik | Wien
10.03.2018

"Blindwütige Politik für Radler"

Laut Experten Ernst Pfleger vergisst Wien seit fünf Jahren auf Pkw-Fahrer und Fußgänger.

"Eine halbe Wahrheit ist leider eine ganze Unwahrheit", sagt Verkehrsexperte Ernst Pfleger, bezogen auf die Aussagen seines Fachkollegen Hermann Knoflacher. Der TU-Professor hatte in der Zeitschrift Der Spiegel erklärt, Autofahrer mit der Verkehrsplanung absichtlich genervt zu haben. "Der Autofahrer ist kein Mensch. Er wird erst wieder zum Menschen, wenn er aus dem Auto steigt." Pkw-Lenker hätten laut Knoflacher mit einem Menschen, der eigentlich zu Fuß geht, weniger gemeinsam als ein Mensch mit einem Insekt (der KURIER berichtete).

Als menschenverachtend bezeichnet Ernst Pfleger diese Aussagen, seines Fachkollegen. "Er macht das vielleicht, um zu provozieren. Fachlich und wissenschaftlich sind die Aussagen jedenfalls falsch."

Kein Miteinander mehr

Pfleger ist Leiter des Institutes für Unfall- und Sicherheitsforschung EPIGUS. Er war jahrelang in die Verkehrssicherheitsarbeit und in Konzepte der Stadt Wien eingebunden. Im Gegensatz zu Knoflacher sei er viel stärker in der Praxis involviert gewesen: "Ich habe Unfälle fürs Gericht analysiert, was Kollege Knoflacher nie gemacht hat. Es hat bis vor zirka fünf Jahren ein Miteinander aller Parteien gegeben. Es ging um alle Verkehrsteilnehmer. Um Inklusion und nicht um Exklusion. Erst die grüne Verkehrspolitik hat eine blindwütige Politik für Radfahrer praktiziert", sagt Pfleger.

Bevor die Grünen in der Stadtregierung gesessen sind, sei es um ein sinnvolles Miteinander gegangen, abseits politischer Präferenzen. Die neuen Konzepte gehen für den Unfallgutachter auf Kosten der Verkehrsteilnehmer. "Ein Negativ-Beispiel sind die Bauarbeiten beim Matzleinsdorfer Platz. An einem Hauptverkehrsträger in Nord-Süd-Richtung jeweils eine Spur wegzunehmen, das ist in meinen Augen grobe Fahrlässigkeit. Ich appelliere an den zukünftigen Bürgermeister Michael Ludwig, hier Grenzen zu setzen", sagt Pfleger.

Zweierlinie

Ebenso sei die Rücknahme eines Fahrstreifens auf der Zweierlinie bei der Mariahilfer Straße unausgereift und teils sogar gefährlich. Gegen die Umgestaltung der Straße war er nicht, aber sehr wohl gegen die Verkehrsorganisation rundherum. "So wie die Zufahrten auf der Mariahilfer Straße jetzt geregelt sind, müssen Anrainer Umwege nehmen. Das bedeutet eine höhere Fein- und Lärmstaubbelastung. Es ist mir unverständlich, dass grüne Politiker das wollen. Das ist eine absurde Verkehrsplanung. Das große Problem ist, dass viele negative Maßnahmen, die in den letzten fünf Jahren gesetzt wurden, irreversibel sind", sagt Pfleger.

Kritisiert werden von dem Experten auch die immer wieder aufkeimenden Pläne der derzeitigen Verkehrspolitiker, Teile der Stadt zur autofreien Zone zu machen: "In Wien wurde mit der Parkraumbewirtschaftung viel erreicht. Es besteht einfach kein Bedarf an solchen drastischen Maßnahmen."