Einfach Bischof: Welche Statements Grünwidl mit seiner Weihe setzt
Unprätentiös und umgänglich. So tritt Josef Grünwidl wenige Tage vor der Bischofsweihe in der Barbarakapelle im Wiener Stephansdom vor die Presse. Das Medieninteresse ist enorm. Kein Wunder, musste die Erzdiözese Wien doch ein gutes Jahr auf den Nachfolger von Kardinal Christoph Schönborn warten.
Grünwidl selbst hat sich noch länger geziert. "Im Juni 2024 hat mich Kardinal Schönborn das erste Mal gefragt", erinnert sich der designierte Erzbischof von Wien, "das hat mich erschreckt."
Was ihm schließlich den Heiligen Augustinus in Erinnerung rief, der selbst über seine Berufung ebenfalls erschrocken war, um dann auf dessen Zuversicht zu referenzieren, mit der er in dieses neue Amt gehen wolle: "Für euch bin ich Bischof, mit euch bin ich Christ. Und der Bischof ist einer, der versucht, als Christ in der Spur des Evangeliums zu leben."
Josef Grünwidl in der Barbarakapelle.
Auf dieses Christ-Sein kommt Grünwidl immer wieder zu sprechen, auch in der Barbarakapelle. Denn eines hat er heute nicht vor: Eine Art Regierungsprogramm zu präsentieren. "Das werde ich in den nächsten Wochen mit meinen Mitarbeiterinnen erarbeiten", hält er fest.
Die Melodie Gottes
Symbole sind dem künftigen Erzbischof nicht unwichtig, er setzt damit auch klare Botschaften. Etwa, dass seine Bestellung am 17. Oktober erfolgt ist, dem Gedenktag des Märtyrerbischofs Ignatius von Antiochia.
Auch der Bischofsitz im Stephansdom muss in der Waage sein.
In dessen Brief an die Gemeinde in Ephesus findet sich eine Aussage, auf die der Musiker Grünwidl für sein Amt zurückgreift: "Nehmt die Melodie Gottes in euch auf." So wird der Spruch in der lateinischen Version "Melodiam Dei recipite" auch zu seinem Wahlspruch.
"Wie die Orgelpfeifen"
Diese Melodie will er in den Bischofsitz mitnehmen - was auch in seinem Wappen sichtbar wird. Denn neben den zwei Feldern, die Kreuzen vorbehalten sind, konnte er zwei Felder selbst bestimmen. In einem referenziert er mit einem Adlerflügel aus dem Wappen seiner Heimatgemeinde Wullersdorf auf seine Herkunft und die Familie, mit den fünf Orgelpfeifen nimmt der Bezug auf die "Orgelkirche".
Launig erläutert er: "Bei jeder Orgel gibt es unterschiedliche Pfeifen, laute, leise, große, kleine. Prospektpfeifen, die vorne stehen, Hunderte und Tausende im Hintergrund, die nicht sichtbar sind." Das gelte auch für die Kirche - und er spricht damit auch die Probleme an, ohne Probleme explizit ansprechen zu wollen.
Frischer Wind für die Kirche
"Viele haben unterschiedliche Ziele, es gibt unterschiedliche Strömungen und eine große Vielfalt", weiß Grünwidl. Entscheidend sei, aus diesen unterschiedlichen Pfeifen eine gemeinsame Harmonie zu erzeugen. Und da eine Orgel ohne Wind nicht funktioniere, will er diese Kirche "mit frischem Wind zum Klingen bringen".
Das Wappen des neuen Erzbischofs mit der Inschrift: Melodiam Dei recipite - Nehmt Gottes Melodie in euch auf - auf der Kathedra, dem Bischofsitz.
Was ihm noch gefällt, ist das Bild, das Christus als "neuen Orpheus" zeigt, als jenen Erlöser, der die Menschheit, sozusagen als seine Geliebte, aus der Unterwelt befreit - mit Botschaft: "Du bist als Mensch geliebt." Kein: Du sollst, kein: Du musst, sagt Grünwidl, sondern: "Du darfst." Denn aus Zusage, geliebt zu sein, könne der Christ "Liebe schenken und die Welt verändern".
Bescheiden und einfach geht Grünwidl auch die Insignien seiner neuen Macht als Erzbischof von Wien heran. Ebenfalls nicht, ohne auf die besondere Symbolik zu achten, die er glaubhaft darlegt. Den Bischofstab übernimmt er von Helmut Krätzl, jenem Bischof, bei dem Grünwidl als junger Priester als Zeremoniär tätig war. "Dieser ist ähnlich jenem von Kardinal Franz König und Bischof Florian Kuntner."
In der Tradition des 2. Vatikanischen Konzils
Drei Bischöfe, die modern und liberal die Geschichte der Kirche in Österreich geprägt haben. "Das sind die Bischöfe meiner Jugend, die das 2. Vatikanische Konzil stark gelebt haben", weiß Grünwidl, "ich sehe mich in dieser Tradition." Und er verweist in dem Zusammenhang auch auf Papst Leo, der zuletzt betont hatte: "Man kann nie genug über dieses Konzil reden".
Dieses Konzil, das der - nicht in allen Bereichen vollzogenen - Öffnung der Kirche den Weg bereitet hat. Und immer noch bereitet. Und so ist auch sein Bischofsring eine einfache, silberne Nachbildung des Rings, den die Teilnehmer diesem Konzils erhalten haben.
Zeremoniär Martin Sindelar mit dem Evangeliar, das Erzbischof Josef Grünwidl am Samstag erhält.
Tagespolitisch will sich Grünwidl nicht einbringen, neben dem Sprecher der Bischofskonferenz, Franz Lackner, will er aber für die Erzdiözese Wien die Stimme erheben, wenn das nötig ist. Die Themen, die er anspricht, passen wiederum gut in die Barbarakapelle, bedeutet ihr Name aus dem Griechischen übersetzt so viel wie fremd sein.
Wo Grünwidl seine Stimme erhebt
"Bei der Frage nach Armut, Vereinsamung, Migration ist die Stimme der Kirche gefragt", legt sich Grünwidl fest, "Fremde, Obdachlose und Hilfsbedürftige haben einen großen Stellenwert in der Kirche." Und er erinnert an die Botschaft Jesu, der gesagt hat, "ich war fremd und ihr habt mich aufgenommen". Wenn das nicht genug Beachtung finde, sei "auch die Stimme des Erzbischofs gefragt".
Deshalb lädt er auch am Sonntag, seinem ersten Tag als Bischof, Arme und Hilfsbedürftige zur Messe und zum Mittagessen ein.
Zuletzt hat sich Grünwidl einige Tage ins Stift Göttweig zurückgezogen, um sich mit dem 2. Timotheus-Brief zu beschäftigen. Der habe ihm viel Kraft gegeben: "Gott hat uns nicht mit einem Geist der Verzagtheit, sondern der Hoffnung ausgestattet."
In diesem Geist will er auch die großen Fragen angehen - wie etwa den Zölibat, also das ehelose Leben von Priestern. Die größere Frage sei aber vielmehr: "Wie können wir die Botschaft Gottes heute den Menschen besser vermitteln?"
An diesem Taufbecken wird Josef Grünwidl sein Taufversprechen zu Beginn der Bischofsweihe erneuern.
Aber wichtig sei, über Zölibat und die Rolle der Frau in der Kirche - etwa als Diakoninnen - nachzudenken. Er würde das für "gut und möglich" halten.
Und auch hier setzt er ein Signal. Denn die päpstliche Ernennungsurkunde werde im Zuge der Bischofsweihe von einer Seelsorgerin aus dem Weinviertel verlesen: "Eine Frau aus dem Kirchenvolk wird mich vorstellen."
Diese Bischofsweihe findet am Samstag, ab 14 Uhr im Stephansdom statt. Die 3.000 Plätze sind längst vergeben, die Zeremonie wird im Fernsehen übertragen, in Wiener Neustadt und Wullersdorf wird Grünwidl bald die Möglichkeit für eine gemeinsame Messfeier bieten.
Dass Kardinal Schönborn seine Bischofsweihe durchführen würde, sei für ihn selbstredend gewesen, sagt Grünwild. Mit Franz Lackner werde der Vorsitzende der Bischofskonferenz konzelebrieren, ebenso Stanislav Přibyl, Bischof von Leitmeritz/ Litoměřice (Tschechien). Letzerer deshalb, weil er als Redemptorist mit Clemens Maria Hofbauer, dem Stadtpatron von Wien, eng verbunden sei.
Ebenso dabei: Grünwidls Spiritual im Priesterseminar und der Pfarrer von Gloggnitz in Niederösterreich, ein Freund Grünwidls aus Studienzeiten.
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