Mehr als Ferdinand Raimund: Frischer Wind im Bezirksmuseum Mariahilf

Leiter Marcus Bruckmann will das Haus stärker in Richtung Gegenwart und Zukunft öffnen und einen Raum der Begegnung schaffen.
Ein spärlich eingerichteter Raum mit alten Fotografien, Dokumenten und Tafeln an den Wänden sowie Tischen und Stühlen.

An die bestehende Sammlung des Mariahilfer Bezirksmuseums hat sich Marcus Bruckmann, der das Haus seit Jänner 2025 leitet, nach und nach angenähert. Bei manchen Exponaten dauerte das aber etwas länger. So etwa bei der Vitrine mit in Mariahilf heimischen, ausgestopften Wildtieren. „Jeder, der etwas über die Haselmaus wissen will, wird deswegen nicht zu uns kommen, sondern ins Naturhistorische Museum gehen. Ursprünglich habe ich mich schon gefragt: Wer will das?“

Aber genau diese Exponate erzählen etwas über das Museum und darüber, wie es Anfang der 1950er-Jahre entstanden ist. „Gerade diese Vitrinen finde ich mittlerweile sehr wichtig“, sagt Bruckmann. Ob hingegen die gesamte Kollektion historischer Uhren, die sich rund um die Standuhr der gebürtigen Mariahilfer Tänzerin Fanny Elßler angesammelt hat, wirklich ausgestellt werden muss, stellt er weiterhin in Frage. „Aber ich erkenne auch an, dass es viel Arbeit ist, sich eine solche Sammlung zu überlegen und zu erarbeiten.“

Ein heller Museumsraum mit Vitrinen, Ausstellungsstücken und einem großen Modell einer Stadtlandschaft.

Blick ins Bezirksmuseum Mariahilf.

In den zehn Jahren, die er sich für die Leitung vorgenommen hat, will er den Blick des Museums stärker in Richtung Gegenwart und Zukunft lenken. „Natürlich ist es interessant, dass Ferdinand Raimund oder Josef Strauss aus dem Bezirk sind. Aber es wird gerne darauf vergessen, dass auch heute ganz tolle Leute hier leben“, sagt Bruckmann. Er will zunehmend auch die Geschichten jener Mariahilfer stärker in den Fokus rücken, die bislang im Bezirksmuseum unterrepräsentiert waren – darunter Frauen, queere Personen und Migranten. „Mich interessiert auch, die Leute, die künstlerisch im Bezirk tätig sind, ans Museum zu binden und mit ihnen etwas zu schaffen.“ Das bedeute auch, Themen aufzugreifen, die aus der Vergangenheit ins Heute nachschwingen.

Ein Mann steht in einem Raum mit historischen Ausstellungsstücken und großen Fenstern im Hintergrund.

Marcus Bruckmann will den Fokus stärker auf Gegenwart und Zukunft richten.

Familiengeschichte

So wie Bianca Pedrinas Familiengeschichte. In der ständig wachsenden Sonderausstellung in einem Raum des Museums begibt sich die im Bezirk lebende Schweizer Fotografin auf die Spuren ihres Urgroßvaters Lorenz Schick. Dieser lebte einst in der Gumpendorfer Straße und führte im Bezirk ein Pelzmodengeschäft. 1942 wurde er als Jude nach Riga deportiert und dort ermordet. An den Wänden des kargen Raumes lehnen großformatige Familienfotos aus mehreren Jahrzehnten. Ein Stammbaum, Archivfunde, Notizen und persönliche Dokumente vermitteln die nicht linear erzählte und erzählbare Geschichte einer jüdischen Wiener Familie.

Auf einem Tisch liegen Bücher, Fotos, Zeitungsartikel und Dokumente, im Hintergrund ist ein Fenster mit Blick nach draußen.

Die Sonderausstellung wächst bis Juni kontinuierlich weiter.

„Ich fand diese Art der Recherche toll, weil sie nicht als Historikerin arbeitet, sondern künstlerisch“, sagt Marcus Bruckmann. Er teilt diesen Zugang. Auch er ist kein Historiker, sondern unterrichtet Design an der Universität für Angewandte Kunst. „Die Zeitzeugen können die Geschichten zwangsläufig nicht mehr selbst erzählen. Man muss sich also andere Formate überlegen. Im Bezirksmuseum können wir Sachen ausprobieren, die große Museen nicht machen können. Das finde ich sehr befriedigend.“ Zudem mache die chronische Geldknappheit der Häuser kreativ. „Die Ausstellung wurde vielleicht ohne Geld, dafür aber mit Top-Leuten aufgestellt.“

Modell einer historischen Kleinstadt mit vielen Häusern, Straßen, Figuren und einem umzäunten Gartenbereich.

Das historische Modell des Ratzenstadels ist neun Quadratmeter groß.

„Romantisches“ Ratzenstadl

Das Herzstück des großen Ausstellungsraumes, ein drei mal drei Meter großes Modell des historischen Ratzenstadl-Grätzels, soll jedenfalls weiterhin an seinem Platz bleiben. Stundenlang könnte man sich in der Betrachtung der pittoresken, windschiefen Häuser und Gemüsegärten dieses heute verschwundenen Viertels verlieren. Doch der Eindruck täuscht. „Heute schaut man so romantisch drauf. Aber wenn man sich vorstellt, dass dort hinten der einzige Brunnen für das ganze Viertel stand und es keine Abwasserentsorgung gab, dann relativiert sich das schnell.“

Eingangsbereich eines Glasmuseums mit buntem Jugendstilfenster und Vitrinen mit Ausstellungsstücken.

Das Glasmuseum beherbergt eine österreichweit einzigartige Sammlung zur Technik der Glasmalerei und ihrer kunsthistorischen Bedeutung.  

Orte der Begegnung

Bezirksmuseen sind für Bruckmann die allervorderste Linie, um mit der lokalen Bevölkerung in Kontakt zu treten. Sie sind für ihn analoge Orte der Begegnung – Räume, in denen man sich tatsächlich gegenübersteht und Dinge verhandeln kann.

So wie der Raum der Sonderausstellung. Als Pedrina über einen privaten Verein vor der alten Wohnadresse ihres Urgroßvaters einen Stein der Erinnerung verlegen ließ, reisten auch Nachfahren anderer verschleppter Hausbewohner aus den USA, Israel und Osteuropa an. „Die haben sich danach in diesem abgeranzten, völlig leeren Raum versammelt, in dem sich heute die Sonderausstellung befindet. Das war eine ganz besondere Stimmung“, erinnert sich Bruckmann. „Darum geht es. Dafür Orte zu schaffen – und diese Orte können Bezirksmuseen sein.“

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