„Es ist auch nicht selbstverständlich, dass die Frau jahrelang auf einen wartet“: Familienvater Goran S.

© Deutsch Gerhard

Resozialisierung
12/01/2013

Bankräuber: „Halleluja“ auf Gefängnis

Manchmal gelingt das: Ein „schlimmer Finger“ wird hinter Gittern geläutert und beginnt ein neues Leben.

von Ricardo Peyerl

Der Berufskraftfahrer Goran S. sagt von sich selbst: „Ich war ein schlimmer Finger.“ Auf gut Wienerisch: „A G’frastsackl.“ Ausgerechnet im Gefängnis habe er zu Gott gefunden und sei ein neuer Mensch geworden. „Meine Freunde wollten den alten Goran zurück, auch meine Frau“, sagt der 40-Jährige: „Aber ich nicht.“

Ein kurzer Rückblick muss trotzdem sein: Goran war Buslenker bei den Wiener Linien, seine Frau Roswita Pflegerin, zwei Kinder, zwei Autos, eine Eigentumswohnung. „Ein Leben wie aus dem Bilderbuch.“ Trotzdem war Goran auf der Suche nach etwas, mit dem er die innere Leere füllen könnte.

WunschkennzeichenAm 29. Dezember 2007 hatte er „die Schnapsidee“, eingegeben habe sie ihm sein Schwager: ein Banküberfall. Goran fuhr mit seinem Auto mit Wunschkennzeichen – seine Initialen SG und 73 für sein Geburtsjahr – in der Simmeringer Hauptstraße vor einer kleinen Bankfiliale vor, der Schwager ging mit einer Gaspistole hinein, bekam ein Alarmpaket, warf die rauchenden Geldscheine einer Passantin vor die Füße, man flüchtete. Tage später wurden sie verhaftet. Goran konnte es nicht fassen: „Ich muss doch morgen zum Dienst.“

Justizanstalt Josefstadt: „Stockfinster, kalt, eng, die triste Einsamkeit. Ich hab’ in drei Wochen 17 kg abgenommen, meine Familie hat mich beim Prozess nicht mehr erkannt.“ Es stellte sich heraus, dass der Schwager spielsüchtig war und Schulden hatte. Goran aber warf man vor, den Bankraub aus Jux und Tollerei verübt zu haben.

Sieben Jahre Haft. Goran kam nach Hirtenberg, NÖ. „Zuckerschlecken ist das keines, aber hier sitzen alle in einem Boot. Niemand hat mich hierher eingeladen, ich hab’ was getan, kein Kavaliersdelikt, und muss büßen. Zwei Jahre hat’s gedauert, bis ich’s verstanden habe.“

Einmal hörte Goran im Gefängnishof „Halleluja“-Gesänge und schimpfte aus dem Zellenfenster, „eine Woche später sang ich selbst im Hof“. Ein Anstaltsseelsorger hatte das Modell „Gesprengte Ketten“ initiiert, eine Auseinandersetzung mit dem Christentum. Das soll den Häftlingen Hoffnung und eine neue Aufgabe geben. Goran sah zuerst nur ein Plakat am Gang, „da stand, es gibt Kaffee und Kuchen. Ich dachte: Bevor ich nur in der Zelle sitz’, hole ich mir lieber Kaffee und Kuchen. So fing das an.“

Und Goran fand seinen inneren Frieden, aus dem „G’frastsackl“ wurde ein „Musterhäftling“. Er bekam eine der heiß begehrten Einzelzellen, den Traumjob als Kellner in der Kantine für die Justizwache und absolvierte eine Ausbildung zum Berufskraftfahrer. Heute fährt er mit dem 25-Tonnen-Lkw Tiefkühlkost aus. Und privat fährt der Liebhaber schneller Autos einen Opel Astra Baujahr 96: „Früher hätte ich mich damit nicht blicken lassen.“ Goran „will keine Werbung fürs Gefängnis machen. Aber die Anstaltsleitung hat sich Gedanken darüber gemacht, dass wir nach der Entlassung nicht mehr wiederkommen.“

Bei Goran dürfte das geklappt haben. Die Entlassung nach Verbüßung der halben Strafe war dem Gericht noch zu riskant, aber ein paar Monate später rief ihn Anstaltsleiter Walter Posch-Fahrenleitner an: „Wie soll ich Ihnen das sagen, ohne dass Sie auszucken? Sie werden übermorgen entlassen.“

Zum KURIER sagt Posch: „Wir sind ja dazu da, um zu vollziehen, und nicht, um zusätzlich zu bestrafen.“

Das ist jetzt eineinhalb Jahre her. Goran und Roswita haben noch ein Kind bekommen, demnächst wandern sie in die Schweiz aus, haben dort schon neue Jobs. „Ich will mein Umfeld ändern“, sagt Goran.www.gesprengteketten.at

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