Chronik | Wien
01.03.2015

Aspern: Strafzettel-Flut für Seestadt-Pioniere

Das Vorzeigeprojekt hat seine Schattenseiten. Parkplatznot bringt die ersten Bewohner in die Bredouille.

Pioniere" nennen sich jene ersten Bewohner, die weit in den Osten Wiens gesiedelt sind. Seit Oktober sickern sie nach und nach in Wiens städteplanerisches Vorzeigeprojekt ein: In die Seestadt Aspern, einen komplett neuen Stadtteil nördlich der Donau im Bezirk Donaustadt.

Die ersten der 10.500 geplanten Wohnungen waren früher fertig als geplant. Die Infrastruktur hielt mit dem rasanten Hochziehen der Häuser nicht Schritt. Und das lässt so manche Pionierin und manchen Pionier verzweifeln.

"Die erste Welle an Strafzetteln kam im Dezember", sagt Olivia Rossignol, die als eine der ersten in die Seestadt gezogen ist. Sowohl die Wiener Parksheriffs als auch die Polizei hatten in den vergangenen Monaten offensichtlich alle Hände voll damit zu tun, die Eigner von illegal abgestellten Autos um einige Euros zu erleichtern.

"Einmal ist ein Kleinbus gekommen, da sind sieben Leute von der Parkraumbewirtschaftung ausgestiegen und haben Strafzettel verteilt", sagt Rossignol. Thomas Blaschke, November-Pionier: "Ich bin nicht bereit, das zubezahlen. Wo gestraft wurde, gab es ja nicht einmal Halteverbotsschilder."

Zumindest dieses Manko ist seit wenigen Tagen bereinigt. Provisorische Verkehrsschilder zeigen an, wo nicht geparkt werden darf. Für jenes Teilstück in der Maria-Tusch-Straße, das Blaschke anspricht, sollen die Strafen annulliert werden. Bezirksvorsteher Ernst Nevrivy (SPÖ): "Auf diesem Teilstück sind die Leute zu Unrecht gestraft worden. Wir raten ihnen, gegen die Strafen Einspruch zu erheben." Exekutive und Parksheriffs seien mittlerweile informiert, dass dort geparkt werden dürfe.

Parken am Gehsteig?

Doch neben der Handvoll Abstellplätzen in der Maria-Tusch-Straße gibt es kaum eine Möglichkeit, sein Auto legal zu parken. "Nicht einmal um den Einkauf aus dem Auto ins Haus zu tragen, kann man hier stehen bleiben", sagt Anrainerin Rossignol. Dabei wäre auf den großzügig angelegten Gehsteigen genügend Platz, um während der anhaltenden Bauarbeiten provisorische Schrägparker einzurichten, meint Rossignol. Dies wird von der Stadtbaudirektion aber mit Nachdruck abgelehnt.

Eine Parkgarage ist fertig, die liegt jedoch rund 400 Meter von den ersten Häusern entfernt, ein großer Parkplatz bei der U-2-Station Seestadt rund 800 Meter. Kurzes Anhalten vor den Wohnblöcken ist nicht möglich. "Das Konzept, einen verkehrsberuhigten Stadtteil zu bauen, ist gut", sagt Ferdinand Maier von den Neos. "Aber man muss schauen, dass es eine Zwischenlösung gibt, bis alle Garagen fertig sind. Das Strafen muss aufhören."

Doch es hört nicht auf. "Jetzt kommen Tag für Tag neue Anonymverfügungen von der Polizei in den Postkasten", sagt Rossignol. Sie habe eine erhalten. "Manche haben schon fünf, sechs."

"Im März werden zwei weitere Tiefgaragen fertig", verspricht Stefan Stiglbauer von der Aspern Development AG. Bezüglich der Strafen meint er: "Da dürfte die Polizei ohne Augenmaß durchmarschiert sein." Stehenbleiben und Ausladen (etwa Einkäufe oder Möbel) sollte möglich sein. "Wir geben allen Anrainern den Hinweis, dass sie gegen ihrer Ansicht nach ungerechtfertigte Strafen Einspruch erheben sollen."

Das Vorzeigeprojekt

Auf 2,4 Millionen m² werden bis 2029 rund 10.500 Wohnungen errichtet. 20.000 m² sind für Geschäfte und Lokale vorgesehen. Bislang hat nur ein Bonbon-Geschäft geöffnet. 20.000 Bewohner soll die Seestadt dann haben und ebenso viele Arbeitsplätze bieten. Zurzeit leben bereits rund 1000 Personen in den ersten fertiggestellten Wohnhäusern. Bis Mitte des Jahres soll der erste Bauabschnitt fertig werden. 2500 Wohnungen mit 6000 Bewohnern wird der neue Stadtteil im Osten Wiens dann zählen.