Chronik | Wien
02/25/2016

Von der Quereinsteigerin zur Chefin eines Café-Imperiums

1976 übernahm Anita Querfeld das Landtmann. Ihr Rezept: Offen sein für Veränderungen.

Den März 1976 hat Berndt Querfeld noch gut in Erinnerung: "Das war die Zeit, in der meine Mutter auf einmal in die Stadt verschwunden ist."

Zumindest untertags.

Denn Anita Querfeld stürzte sich damals als Quereinsteiger in das "Abenteuer Gastronomie". Gemeinsam mit ihrem Ehemann Herbert, einem Elektrohändler, übernahm sie das Café Landtmann am Ring.

Heuer begeht sie nicht nur ihren 75. Geburtstag, am 1. März feiert sie auch ihr 40-Jahr-Jubiläum als Cafetiere.

Aus der Krise

Als sie Mittwochvormittag ihre Runde durchs Lokal dreht, nickt sie mal nach links, lächelt mal nach rechts und begrüßt einen der Gäste mit einem herzlichen Händedruck. Die meisten Tische sind besetzt, viele der Besucher scheinen Stammkunden zu sein.

Das war jedoch nicht immer so. "Die Taxifahrer wusste anfangs nicht einmal, dass es das Lokal noch gab", erinnert sich die Geschäftsführerin. Denn die Querfelds übernahmen das Lokal zu einer Zeit des großen Kaffeehaussterbens. Einige Betriebe wurden gar von Autohändlern oder Banken übernommen. Dass das heruntergekommene Landtmann kein ähnliches Schicksal ereilte, war der Tatsache geschuldet, dass die Inneneinrichtung unter Denkmalschutz stand. Somit musste es Kaffeehaus bleiben.

Trotzdem meldeten Bekannte ihre Zweifel an: "Das werdet ihr nie schaffen", sagten viele. Das Ehepaar ließ sich nicht irritieren. "Zu allererst montierten wir 20 neue Glühbirnen und machten alle Türen und Fenster auf", erzählt Anita Querfeld. Um die neue Ära und die Gäste willkommen zu heißen. "Das Gute ist", fährt sie fort, "wenn du ganz unten anfängst, gibt es rasch kleine Erfolge – und mit jedem wird man optimistischer. Und wir wussten einfach, dass wir das schafften."

Die Beharrlichkeit hat sich ausgezahlt. Mit ihren Kindern Berndt Querfeld und Andrea Winkler führt Anita Querfeld – ihr Mann ist vor zwölf Jahren gestorben – neben dem Landtmann heute sechs weitere Kaffeehäuser, das australische Pub Crossfields und eine Patisserie in Alterlaa. Ob neue Lokale dazukommen? Konkrete Pläne gebe es noch keine. Aber,wer weiß.

In Bewegung

Das Wichtigste, um erfolgreich zu sein? "Geduldig sein. Und offen für Veränderung." Als Gastronom dürfe man nicht stillstehen, auch wenn es gerade gut geht. Richtige Speisen werden derzeit etwa immer wichtiger. Mittlerweile wird am häufigsten Schnitzel bestellt. Vegane Gerichte dürfen ebenfalls nicht fehlen. Jährlich investiert die Familie jedenfalls rund 500.000 Euro in das Ringstraßen-Lokal.

Das nächste Projekt ist das Experiment "Kaffeehaus 2.0" im Landtmann-Saal. Dabei will die Familie mit Architekten herumtüfteln, wie das "Grand Café" der Zukunft aussehen könnte. Die Schriftsteller und die Philosophen gibt es nicht mehr. Was brauchen die Gäste von morgen – abseits von einer guten Melange (und Schnitzel)?

Apropos von morgen: Wien könnte schon bald ein Kaffeehausmuseum haben. Das ist ein weiteres Projekt, das Berndt Querfeld gerne angehen würde. Denn das habe sich diese Institution einfach verdient. Es gebe ja bereits Sammlungen und es wäre doch schön, wenn man die an einem würdigen Ort zusammenbringen könnte.

Eines darf bei einem Jubiläum im Kaffeehaus natürlich nicht fehlen: Eine neue Mehlspeise. Die Edelweiß-Torte ist mit der gleichnamigen Blume aus Marzipan verziert und beinhaltet neben dunklem Teig Kirschmarzipan und Buttercreme.