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Wien intern
07/17/2019

Angriff auf das 365-Euro-Ticket: Wer kratzt an Vassilakous Erbe?

Die Grüne trat vor 21 Tagen ab – und schon steht eines ihrer Projekte in der Kritik. Nur Zufall?

von Christoph Schwarz

Die Botschaft selbst, die ist rasch erzählt: Das im Jahr 2012 auf 365 Euro verbilligte Jahresticket der Wiener Linien bringt weit weniger als gedacht; es ist zum Teil sogar kontraproduktiv. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie.

Warum dem so ist? Dazu später mehr.

Spannend ist, wie (und warum) die Botschaft publik wurde – ausgerechnet kurz nach dem Abgang der grünen Vizebürgermeisterin Maria Vassilakou, die das Projekt innerhalb der rot-grünen Stadtregierung vorantrieb.

Doch der Reihe nach: Verkündet wurden die Ergebnisse mittels knapper Meldung der Austria Presse Agentur. Studienautor ist das Beratungsunternehmen Civity Management Consultants mit Sitz weit weg von Wien: in Berlin.

Die Studie mit dem eingängigen Titel „Das beste Angebot ist nicht der Preis“ blieb den ganzen Tag unkommentiert. Weder die Wiener Linien noch die Stadtregierung äußerten sich dazu. Für Kenner der politischen Gepflogenheiten ist das verwunderlich – nützt doch die Stadtpolitik sonst jedes Thema (und sei es auch noch so unwichtig) für Presseaussendungen und Statements.

Das ermuntert zu Spekulationen – vor allem, wenn man die Geschichte des 365-Euro-Tickets kennt. Vassilakou forderte damals im Wahlkampf ein deutlich billigeres Ticket und setzte sich zur Unfreude der SPÖ auch durch. Bislang machten die Roten aus Koalitionsräson gute Miene. Jetzt ist Vassilakou weg. Und die Angriffe beginnen. Das passt zu einem Gerücht, das regelmäßig auftaucht: Nämlich jenes, dass die SPÖ das Jahresticket längst wieder verteuern will. Schließlich beklagt man seit der Einführung die Kosten.

Wer gab den Auftrag?

Die Fragen, die sich stellen: Waren SPÖ oder Stadtregierung die Auftraggeberin der Studie? Und falls nicht: Warum interessiert sich ein deutsches Unternehmen so sehr für den Wiener Öffi-Verkehr, dass es eine 49-seitige Studie dazu erarbeitet?

„Wir haben nichts mit der SPÖ zu tun“, heißt es aus dem Beratungsunternehmen. „Das versichern wir eidesstattlich.“ Die Studie sei „komplett aus Eigenmitteln“ finanziert und beruhe auf öffentlichen Daten und den Infos, die man vor Jahren in Wien gesammelt habe. Man habe die Wiener Linien bei der Einführung des Tickets „eng“ begleitet.

Und woher das plötzliche Interesse? Das 365-Euro-Ticket sei derzeit in deutschen Städten in Diskussion – Vorbild sei immer Wien. „Ständig fahren deutsche Delegationen nach Wien und kommen mit der Botschaft zurück, dass eine Tarifwende automatisch zu mehr Öffi-Nutzung führe. Das ist falsch“, heißt es. Das wolle man der Politik zeigen.

Die Ergebnisse könnten hierzulande dennoch für Debatten sorgen: Das Ticket, besagt die Studie, habe zwar zu mehr Jahreskartenbesitzern geführt – der Absatz an anderen Tickets sei aber „massiv eingebrochen“. Den ersten Teil erzählen auch die Wiener Linien selbst gerne. Den Zweiten hört man selten.

Auch interessant: Während das Jahresticket billiger wurde, hätten die Wiener Linien die Preise für andere Tickets erhöht. Unterm Strich sei der Anteil der Öffi-Nutzer am Gesamtverkehr daher nicht gestiegen. Auch absolut betrachtet seien die Fahrgastzahlen nicht über den Bevölkerungszuwachs hinaus gestiegen. Trostpflaster: Der Ausbau des Öffi-Netzes und die kurzen Intervalle werden in der Studie gelobt.

In der SPÖ ist man sich „nicht ganz sicher“, ob man von der Studie gewusst hat. „Wir stehen zum 365-Euro-Ticket“, heißt es jedenfalls aus dem Büro von Stadträtin Ulli Sima. Eine Preiserhöhung sei „natürlich“ nicht angedacht.

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