Wiener Gschichten: Der tägliche Ampel-Lauf
Schauplatz: Vordere Tür der 2er-Bim. Mehrere Personen haben sich bereits in Poleposition gebracht. Sie und ich wissen, was gleich kommt. Sobald sich die Türen bei der Station „Rathaus“ öffnen, wird losgesprintet. Wir drängen uns an der Schnauze der Straßenbahn vorbei und preschen zur gegenüberliegenden Straßenseite.
Ungefähr 87 Meter geradeaus sind es, vorbei am Blauensteiner und am Café Eiles bis zur Ampel über die dreispurige Landesgerichtsstraße. Hier heißt es natürliche Selektion. Alle Läufer kennen sich aus: Nur wer diese Grünphase noch erwischt, wird den heiklen Umstieg in die U2 in Richtung Seestadt schnellstmöglich vollbringen. Ich bin heute nicht „fit“ genug. Eine Frau vor mir flitzt noch bei Kirschgrün beziehungsweise Dunkelgelb über den Zebrastreifen. Ihre Schadenfreude ist mein Rot. Ich schaue dem Popsch der Bim, in der ich eben noch gesessen bin, traurig hinterher. Wenige Autos passieren. Eine Minute ist vergangen und die Grünphase kommt nicht.
Die Bim hat Vorfahrt
Warum diese Ampel so lange geschaltet ist? Auch im Online-Forum „Reddit“ sind sich Wien-Kenner nicht einig. Manche erwähnen Fachausdrücke wie „koordinierte Umlaufschaltung“, andere gehen in den Kommentaren wegen des „Verkehrsflusses“ aufeinander los. Und ich warte immer noch, mein Handy in der Hand. Der Fußgänger-Mob wird langsam nervös. Eine Person bricht aus der Herde aus und steigt aggressiv nach vorne – so als würde das irgendwas bewegen. Andere machen es der Zündlerin instinktiv nach, bis sie bemerken, dass diese doch nicht den Mumm hat, die rote Ampel zu ignorieren. Ist ja auch wirklich eine breite Straße.
Das Café-Bendl-Schild weckt in mir Erinnerungen an fliegende Bierplattln, kurz erwäge ich, einen Drink aus dem Eiles zu holen. Dann blinkt es. Die Läufer bringen sich in Stellung. Nach sagenhaften 5 Minuten endlich der Klimax: Grünes Licht. Hosanna in der Höhe. Das Leben geht weiter und wir fliegen über die Straße und unserem Schicksal entgegen.
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