Chronik | Wien 26.03.2012

Alte Autos als begehrte Diebsbeute

Ermittler verhafteten einen Profi-Kfz-Dieb. Er dürfte Mitglied einer Bande sein, die mit Gebrauchtwagen viel Geld machte.

Ein gestohlenes Auto verschwindet zumeist auf Nimmerwiedersehen. Eine Faustregel lautet: Je älter der Wagen, umso unwahrscheinlicher ist es, dass ihn der Besitzer zurück bekommt. Das hat folgenden Grund: Fahrzeuge älteren Baujahres werden kaum im Ganzen verscherbelt, sondern in Einzelteilen. "Damit ist mehr zu verdienen", sagt Oberst Georg Rabensteiner vom Wiener Landeskriminalamt. Diese Praxis erschwere auch die Aufklärung. Die Kfz-Coups (österreichweit 5158 im Vorjahr) sind laut Innenministe­rium auf einem Tiefpunkt. In Wien etwa werden aber nur 13 bis 14 Prozent der Pkw-Diebstähle aufgeklärt.

Gebrauchtwagen sind nicht nur wegen der Ersatzteile für Diebe attraktiv, sondern auch, weil nach ihnen kaum gesucht wird. Zwar fahnden Detektive für Versicherungen nach teuren Neuwagen. Dagegen wird ein älteres Baujahr rasch abgeschrieben. Die kostenintensive Fahndung stünde in keiner Relation zum Wert des Pkw.

Dass Autoschieber-Banden genau so kalkulieren, zeigte sich nun in Wien. Rabensteiner und seine Kollegen konnten am 3. Februar einem Banden-Mitglied das Handwerk legen. Derzeit rechnen die Ermittler dem Mazedonier Shefik N. (56) 138 Autodiebstähle zu. Der Schaden beträgt 450.000 Euro. Die Pkw wurden in Kroatien ausgeschlachtet, die Bestandteile verkauft.

Im Jänner 2010 begann die Serie: In Hernals und Otta­kring wurden über Nacht Autos der Marke Golf (älter als das Baujahr 2006) gestohlen. Die Kriminalisten lauerten N., der stets mit einem Fahrrad unterwegs war, auf, hefteten sich mit einem Wagen an seinen Kotflügel – doch der Mann entkam auf seinem Drahtesel.

Grenzkontrolle

Verdächtig und schweigsam: der 56-jährige Shefik N.
© Bild: rpivat

Nach der Verfolgungsjagd riss die Serie ab, bis zum August 2011, als erneut Dutzende Autos verschwanden. Im Jänner brachte eine Kontrolle an der slowenisch-kroatischen Grenze den Durchbruch. Der als gestohlen gemeldete Wagen hatte ein tschechisches Kennzeichen. Die Fährte führte die Kriminalisten zum Verdächtigen nach Brünn. Der 56-Jährige, so die Polizei, mietete sich in Hotels ein, spähte auf seinem Fahrrad nach Beute, und schlug nachts zu. "Ein Einbruch dauerte eine Minute", erzählt Rabensteiner. Das weiß er genau, denn am 3. Februar wurde N. in flagranti verhaftet. Im Hotelzimmer fand man Equipment: Gefälschte Papiere, Kennzeichen, Metallplatten mit Fahrgestellnummern.

Rabensteiner und sein Kollege Friedrich Bahmer zeigten am Dienstag der versammelten Presse das konfiszierte Werkzeug. Darunter war ein "Kraftschlüssel", wie es ihn in jedem Baumarkt gibt. "Damit kann man ein Schloss aufdrehen", sagt Bahmer. N. hatte auch ein "OBD-Tool" dabei. Das Gerät, so groß wie eine Zigaretten-Packung, löst die Wegfahrsperre. Bestellen kann man es im Internet. Der Verdächtige schwieg bisher. Nach den Hintermännern wird gefahndet.

Ein Opfer: „Als ich zurückkam, war das Auto weg“

Ein Bild aus schöneren Tagen: Vogls VW Golf GTI vor dem Diebstahl im Februar diesen Jahres.
© Bild: privat

Ich dachte zuerst, ich habe falsch geparkt“, berichtet KURIER-Journalist Erich Vogl. Er ist eines von rund 5000 Opfern, die jährlich ihren fahrbaren Untersatz unfreiwillig durch Diebstahl verlieren. Am 18. Februar hatte Vogl seinen Golf GTI ( Baujahr 2009) in Wien-Neubau geparkt. „Als ich drei Tage später zurückkam, stand da ein anderes Auto. Daraufhin bin ich zur Polizei gegangen. Dort wurden die verschiedenen Abschleppdienste durchtelefoniert, doch alles war vergeblich.“

Anschließend drehte Vogl mit zwei Beamten eine Runde in deren Funkstreife. „,Die letzten fünf, die bei uns waren, hatten nur vergessen, wo ihr Auto steht‘, haben sie mir gesagt.“ Erst nach einer zwanzigminütigen Tour durch den siebenten Bezirk war klar: Das Auto war tatsächlich gestohlen worden. Doppelt bitter: Auch der Zulassungsschein lag (wenn auch versperrt im Handschuhfach) im Auto. Das freut die Kriminellen, weil sie die Papiere dann nicht mehr fälschen müssen.

Vogls Auto war gegen Diebstahl versichert. Nun ist nur noch die Frage offen, wann das Geld für den Schadensfall erstattet wird. „Sollte das Auto nun wieder auf­tauchen, würde ich es nicht zurückhaben wollen. Wer weiß, was sie damit transportiert haben. Es wäre ja ein Monat in der Hand von Kriminellen gewesen, die können sogar Leichen transportiert haben.“

( Kurier ) Erstellt am 26.03.2012