Alnur Mussayev betritt den Gerichtssaal.

© APA/EPA/ROLAND SCHLAGER

Aliyev-Prozess

"Ganz friedlich": Zwei Tote

Mitangeklagter will zur Tatzeit an Alkoholvergiftung gelitten haben.

von Ricardo Peyerl

04/15/2015, 04:41 PM

Nur noch ein Polizeihund durchsucht den Verhandlungssaal auf Sprengstoff (statt zwei Hunde wie beim Auftakt), nur vier Justizwachebeamte (statt zwei Dutzend) stehen im Spalier. Der Wiener "Aliyev-Prozess" ist in den Niederungen des Alltags angekommen, und es wird ĂŒberdeutlich: Die Anklage ist ganz und gar auf einen Toten zugeschnitten, auf den kasachischen Ex-Botschafter Rakhat Aliyev. Laut seiner Witwe hat ihn "eine bislang unbekannte Hand gestoppt", ehe er sich habe reinwaschen können. Mit seinen zwei Mitangeklagten stehen allenfalls nur Handlanger vor Gericht.

Demokratisch

Der eine, Alnur Mussayev, prĂ€sentiert sich ausgerechnet als ehemaliger Chef des kasachischen Geheimdienstes KNB als "der gute Mensch von Kasachstan" (Zitat ORF-Kollegin Petra Pichler). Zu seiner Zeit habe es in Kasachstan "keine Erschießungen" gegeben. Das stehe unter der Herrschaft des StaatsprĂ€sidenten Nursultan Nasarbayev ansonsten auf der Tagesordnung. "Aber ich sorgte dafĂŒr, dass der FĂŒhrungsstil so demokratisch wie möglich war." Man braucht beinahe nicht zu erwĂ€hnen, dass sich Mussayev fĂŒr "unschuldig" erklĂ€rt und die beiden Bankmanager Zholdas Timraliyev und Aybar Khasenov im Februar 2007 im Auftrag von und gemeinsam mit Rakhat Aliyev nicht ermordet haben will. Er habe zur Tatzeit in seiner Wohnung an einer Alkoholvergiftung laboriert. Zeugenaussagen, die anderes behaupten, seien gefĂ€lscht.

Mussayev berichtet von seinen wenig erfolgreichen Versöhnungsversuchen zwischen Nasarbayev und dessen Ex-Schwiegersohn Aliyev. Der StaatsprĂ€sident habe Aliyev vorgeworfen, er könne das Vermögen der Familie nicht zusammenhalten. Das steckte unter anderem in der kasachischen Nur-Bank, deren Manager Geld abgezweigt haben sollen. Mussayev behauptet, Aliyev zu einer "gesetzmĂ€ĂŸigen Lösung" dieses Problems geraten und beobachtet zu haben, dass alles "ganz friedlich" abgelaufen sei.

Laut Anklage ließ Aliyev jedoch drei Manager entfĂŒhren. Einem gelang es, zu flĂŒchten; die beiden anderen wurden gefoltert und erdrosselt. Ihre Leichen fand man Jahre spĂ€ter in einer MĂŒllhalde. Dass Mussayev beteiligt gewesen sei, leitet die StaatsanwĂ€ltin aus einem schon viel frĂŒher heimlich aufgezeichneten Skype-Telefonat ab. Darin sagt Mussayev zu einem Bekannten, er könne "zu 100 Prozent" den Ort nennen, an dem die Leichen vergraben sind.

Interview

Der Angeklagte behauptet, das Tonband sei manipuliert. Als vĂ€terlicher Freund von Aliyev habe auch er das Vertrauen des PrĂ€sidenten Nasarbayev verloren und sei verfolgt worden. Aus Angst um sein Leben habe er sich als Informationsquelle angedient. Daraufhin habe er der Wiener Anwaltskanzlei Lansky, Ganzger und Partner, die fĂŒr den Opferverein "Tagdyr" die Witwen der getöteten Bankmanager vertritt, Bericht erstatten mĂŒssen. In den KanzleirĂ€umen habe er 2009 der Kronen Zeitung ein Interview geben und wider besseres Wissen sĂ€mtliche VorwĂŒrfe gegen Aliyev fĂŒr zutreffend erklĂ€ren mĂŒssen.

Die StaatsanwÀltin löcherte Mussayev mit Fragen, bis der Richter die "sinnlosen Vorhalte" stoppte.

Fortsetzung am Freitag.

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