Seiltechnikübung der Einsatzkräfte

© Kurier / Gilbert Novy

Chronik Wien
10/16/2019

65 Meter abgeseilt: So holen Retter KURIER-Reporter vom Riesenrad

Nass, rutschig und schlechte Sicht: Perfekte Bedingungen für die Wiener Einsatzorganisationen, um für den Ernstfall zu proben.

von Markus Strohmayer

Mehrere Personen haben sich illegal Zutritt zum Wiener Riesenrad verschafft und weigern sich dieses zu verlassen. In einer der Gondel tritt zudem ein medizinischer Notfall auf. Was nach Action-Film klingt, könnte auch Realität werden. Aus diesem Grund haben Feuerwehr, Rettung und Spezialisten der Wega am Mittwoch um sieben Uhr in der Früh genau dieses Szenario durchgespielt.

Zwar trainieren die Blaulichtorganisationen immer wieder gemeinsam die Bergung aus luftigen Höhen. Das Riesenrad mit seiner stattlichen Höhe von 64,5 Metern ist aber selbst für die geschulten Lebensretter ein außergewöhnlicher Einsatzort.

Die Testpersonen „in Not“, die beim dem morgendlichen Einsatz vom Riesenrad gerettet werden müssen, sind Journalisten ohne Höhenangst. Darunter auch ein KURIER-Redakteur und Verfasser dieses Artikels.

In 20 Minuten aufs Riesenrad geklettert

44 Einsatzkräfte klettern noch in der Dämmerung auf das still stehende Wahrzeichen. Die Schnellsten unter ihnen brauchen weniger als 20 Minuten, um den obersten Punkt zu erreichen. Für die Journalisten hingegen geht es bequem in der Gondel hinauf. Dann ist es aber mit dem Komfort vorbei.

Pfeifender Wind und Regen sorgen für erste Zweifel, ob es eine gute Idee gewesen ist, sich freiwillig für die Abseilübung zu melden. Ein Blick in die Tiefe – knapp 65 Meter wirken von oben noch viel höher – erweist sich nicht gerade als hilfreich.

Ganz anderes Bild bei den Profis, die ideale Trainingsbedingungen vorfinden – immerhin könne man sich das Wetter im Einsatz auch nicht aussuchen: „Die Witterung spielt eine große Rolle. Es ist schwieriger, wenn es nass, windig und die Sicht schlecht ist. Aber das spielt bei uns keine Rolle. Die Leute müssen auf sowas vorbereitet und dafür ausgebildet sein“, erklärt Chefinspektor Friedrich Krafuß die Erwartungen an seine Truppe.

Seiltechnikübung der Einsatzkräfte

Dasselbe gilt für Rettung und Feuerwehr, die in Sachen Höhen- und Tiefenrettung zuständig sind, wenn Personen verletzt sind bzw. ein technisches Gebrechen vorliegt. Den im Übungsszenario verletzten KURIER-Redakteur zu bergen, fällt in den frühen Mittwochmorgenstunden somit in den Aufgabenbereich der Seiltechnikeinsatzgruppe der Berufsrettung Wien.

Dass absolute Experten am Werk sind, ist schon beim Anlegen des Rettungssitzes – des sogenannten Petzl-Dreiecks – klar. Die Höhenretter nennen diesen Bergesitz aufgrund der Trageweise liebevoll Windel. Jeder Schritt wird genau erklärt und mehr als einmal erwähnt, dass die Mehrfachsicherung auf eine Last von 2,5 Tonnen ausgelegt ist.

Das tröstet fast darüber hinweg, dass kurz davor noch erzählt wurde, dass es bei der aktuellen Windstärke möglich sei, drei bis fünf Meter verweht zu werden. Gut 60 Meter über dem Wiener Prater an einem Seil baumelnd.

Dieser Unsicherheitsfaktor ist auf unterschiedliches Equipment der Berufsgruppen zurückzuführen. Polizei und Rettung müssen sich von den Gondeln nämlich senkrecht abseilen. Die Feuerwehr hat zusätzlich eine elektrische Aufseilwinde. Aus der Gondel des Riesenrads können so Seile abgelassen und daran Retter und zu Rettende rasch auf- und abgeseilt werden.

Insbesondere bei Schlechtwetter lässt sich so das Risiko minimieren, vom Winde verweht zu werden und sich in den speichenartigen Verstrebungen des Riesenrads zu verheddern. Am Mittwoch passiert das bei einem Probelauf einem Mitglied der Berufsrettung auf halber Höhe. Er muss das Seil schließlich ausfädeln und zurück in die Gondel gezogen werden.

Dementsprechend mulmig das Gefühl des mittlerweile nachweislich schwindelfreien KURIER-Redakteurs, als es heißt, „beide Füße aus der Gondel und fester Stand auf den Radstreben“. Spätestens als der Höhenretter, an dessen Hüftgurt die zu rettende Person mit Karabinern geschnallt wird, ebenfalls die Kabine verlässt und der eigentliche Abseilvorgang beginnt, ist aber jegliche Nervosität wie weggeblasen.

Der Wind, der kräftig bläst, hat mit dem Gewicht zweier Personen deutlich mehr Arbeit, sodass es nie zu dem befürchteten „Schaukeln“ kommt. Innerhalb weniger Minuten ist der Boden erreicht. Einschneidend an dem Ereignis ist nur der straffe Rettungssitz, also die sogenannte Windel.

Vor dem Riesenrad und per Funk dauernd mit seinen Einsatzkräften verbunden, wartet bereits Gottfried Gögginger, Leiter der Seiltechnikeinsatzgruppe der Berufsrettung: „Ich bin sehr stolz auf meine Truppe. Es sind alle topgeschult, sehr gut drauf und voll motiviert. Es freut mich, dass das so funktioniert hat.“

Als glücklich „Geretteter“ ist dem nichts mehr hinzuzufügen.  

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