Chronik | Wien
27.10.2018

25 Euro in vier Tagen: Protest der Standler gegen Öffnungszeiten

Delikatessläden und Bauern am Yppenmarkt sammeln Unterschriften gegen neue Marktordnung.

„Zu solchen Politikern kann man nur sagen: Der Herr verzeihe ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun“, sagt Walter Aigner und schüttelt den Kopf. „Unglaublich“, murmelt ein anderer, während die Menschen fleißig ihre Namen in eine Unterschriftenliste eintragen.

Samstagmittag ist am Bauernmarkt am Yppenplatz in Ottakring die neue Marktordnung das Thema Nummer eins bei Standlern wie Kunden. Wie berichtet, sieht diese nämlich unter anderem verpflichtende Kernöffnungszeiten von Dienstag bis Freitag zwischen 15 und 18 Uhr sowie am Samstag von 8 bis 12 Uhr vor. Ziel der Verordnung ist, Leerstand auf den Wiener Märkten zu bekämpfen. Das Problem jedoch: Die Yppenmarkt-Standler, regionale Produzenten aus dem Umland, hatten bisher nur am Freitag und am Samstag offen. Sie sehen sich außer Stande die Vorgaben zu erfüllen. Ihnen droht der Entzug des Standortes.

„Wir sehen uns als Bauernopfer“, ärgert sich Thomas Anderl, der seit 1987 mit seiner „ARGE Rosenauerwald“ Bio-Produkte verkauft und bereits zwei Mahnungen kassiert hat. Eine dritte, meint er, und sein Stand sei weg. „Das ist beleidigend. Ich arbeite da seit 35 Jahren und werde innerhalb eines Monats gekündigt.“ Mit seinen Kollegen will er sich nun wehren, 763 Unterschriften kamen am regnerischen Samstag bereits zusammen.

Die neue Regelung sei für die kleinen Betriebe, die unter der Woche produzieren, unzumutbar. Zudem sei wochentags in der „Nordzeile“ des Marktes kein Geschäft zu machen. Die vielfach urgierte Fußgängerzone fehle noch, vor den Ständen würden dann Autos parken „Das ist ein per Gesetz vorgeschriebenes Verlustgeschäft“, sagt Anderl.

Das können auch der nö. Winzer Leopold Rögner und Şefik Beyti Özcan, der einen Käsestand betreibt, bestätigen. Nach ersten Mahnungen sperrten sie ihre Stände auch unter der Woche auf. Die Einnahmen: 25 Euro für Rögner, zehn für Şefik Özcan. Letzterer musste aber eine zusätzliche Arbeitskraft bezahlen. „Für mich ist das unmöglich“, sagt der Pillichsdorfer Bäcker Werner Bauer. „Ich arbeite eine Woche lang, damit ich hierher kommen kann.“ Auch für Rögner könnte der Standverlust heißen, dass er nicht mehr als Vollzeitbauer tätig sein kann.

Auge zugedrückt

Beim Marktamt hat man für den Protest kein Verständnis. „Natürlich werden wir das Gespräch suchen. Aber das Endergebnis muss sein, dass sich die Kunden darauf verlassen können, dass die Märkte offen haben“, sagt Sprecher Alexander Hengl. Anders würden sie der Konkurrenz der Supermärkte nicht standhalten können.

Zudem hätte es seit Juni Gespräche mit den Standlern gegeben, man habe bisher einfach ein Auge zugedrückt. Diese fühlen sich dennoch überrumpelt. Sie hätten nicht gedacht, von den erweiterten Öffnungszeiten betroffen zu sein, meint Anderl. Und in Konkurrenz zu den Supermärkten wolle man ohnehin nicht stehen. Sie hoffen auf eine schrittweite Entwicklung des Marktes.

Marktordnung Neu:

Hintergrund

Mit 1. Oktober ist die Novelle der Wiener Marktordnung in Kraft getreten. Ziele sind der Schutz des Lebensmittelhandels, zudem  sollen sich Kunden auf klar definierte Kernöffnungszeiten verlassen können. Auch die Regeln der Standweitergabe wurden verschärft.

Kritik

Bereits vor Inkrafttreten der Novelle hat es lautstarken Protest seitens der Marktstandler gegeben. Der neu gegründete Verein „Zukunft Wiener Märkte“ spricht gar von einer gesetzes- und verfassungswidrigen Marktverordnung.