Wirtschaftswachs­tum: Polens Regierung hat "Luxusproblem"

International Lodz Fashion Award 2017
Foto: EPA/GRZEGORZ MICHALOWSKI In Polen wächst der Markt für exklusive Mode und Luxusgüter

Immer mehr Polen können sich Luxusgüter leisten. Doch der Aufschwung kommt nicht bei allen an.

Modefreunde an der Weichsel können aufatmen – am 14. Februar erscheint die Vogue endlich auch auf Polnisch. Polen ist das 23. Land, in dessen Sprache die Zeitschrift erscheint, die 1892 in den USA gegründet wurde.

Vogue Polska sei eine Antwort auf "die Bedürfnisse der Polinnen, welche nahe an der eleganten und schönen Philosophie sind", sagte Justyna Markiewicz, Direktorin von "Visteria", etwas umständlich.  Der polnische Verlag hat die Rechte des amerikanischen Mutterkonzerns übernommen.

Vier Prozent Wachstum

Selbstverständlich habe auch die Entwicklung des polnischen Marktes zu dieser Entscheidung beigetragen, erklärte Markiewicz. Für dieses Jahr wird ein Wirtschaftswachstum von vier Prozent erwartet.

Nach Angaben der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KMPG überschritt der Anteil der vermögenden Polen im vergangenen Jahr eine Million ("vermögend" ist man in Polen ab 85 000 Zloty Jahreseinkommen, 20.500 Euro, brutto).

Für Luxusgüter wurden mit knapp vierzig Millionen Einwohnern bereits 2016 rund 16,4 Milliarden Zloty (3,9 Milliarden Euro) ausgegeben: Ein Zuwachs von 15 Prozent im Vergleich zu 2015. Dabei stehen die Ausgaben für exklusive Kleider nach denen für Nobelautos mit 2,2 Milliarden Zloty an zweiter Stelle.

In den nächsten Jahren steigen 13 Wolkenkratzer in Warschaus Zentrum empor, darunter der Gebäudekomplex "Varso", der sich mit seinen 310 Metern im Jahr 2020 als das höchste Bauwerk der EU-Staaten feiern soll. Wird der Brexit dann umgesetzt, erwägen viele Firmen einen Umzug aus der Londoner City nach Warschau.

Luxus ist auch ein Politikum in Polen. Die nationalkonservative Partei "Recht und Gerechtigkeit" (PiS) gewann die Wahlen im Herbst 2015 mit umfassenden Sozialversprechen und indem sie die Arroganz der Eliten kritisierte, mit denen die vorige Regierungspartei "Bürgerplattform" (PO) klüngeln würde. "Establishment" wurde wie bei Donald Trump von PiS-Wahlkämpfern als Kampfbegriff gebraucht. 

Jaroslaw Kaczynski, leader of the country's ruling… Foto: AP/Czarek Sokolowski PiS-Chef Kaczynski lebt betont bescheiden

Die PiS versprach nichts weniger, als den ärmeren Polen ihre Würde wieder zu geben, wie schon damals bei ihrem ersten Wahlsieg 2005. Der mächtige PiS-Parteichef Jaroslaw Kaczynski lebt darum demonstrativ bescheiden in einer kleinen Wohnung und macht nur innerhalb des Landes Urlaub.

Armut und Schulden

In Polen leben immer noch 14 Prozent der Bevölkerung in "relativer Armut", das heißt sie haben 50 Prozent oder weniger des Durchschnitts polnischer Haushalte zur Verfügung. Das Durchschnittseinkommen liegt bei 4973 Zloty brutto (1194 Euro), damit sind keine großen Sprünge zu machen.

Die PiS macht jedoch einen Wandel durch – in diesem Jahr will man sich den Besserverdienenden in den großen Städten mehr zuwenden, die ihre Kredite zurückzahlen wollen und sich nicht um die Eingriffe in das Justizwesen scheren – immerhin sind 1,5 Million Polen überschuldet.

Die sozial Schwachen bekommen zwar dank PiS nun Kindergeld, doch werden sie sich irgendwann fragen, inwieweit sie Anteil am derzeitigen wirtschaftlichen Aufschwung haben.

Die Regierungspartei muss darum den Spagat schaffen, die Wirtschaft weiter anzukurbeln, sich jedoch von der Luxuswelt fernzuhalten, um die Wähler nicht zu verschrecken. Premierminister und Ex-Banker Mateusz Morawiecki verdonnert darum internationale Handelsketten zu "polnischen Wochen", in der heimische Produkte angepriesen werden. Ob irgendwann der Wirtschaftspatriotismus auch die Vogue Polska erreicht, bleibt offen.

(kurier) Erstellt am
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