Die Ausstellung "Jack The Ripper and the East End" im Docklands Museum in London

© EPA/Andy Rain

Nach 126 Jahren
09/14/2014

"Wir haben Jack the Ripper"

Eine der spektakulärsten Mordserien der Kriminalgeschichte scheint durch DNA-Analysen geklärt.

von Georg Markus

Wer soll es nicht aller gewesen sein: "Jack the Ripper", der Prostituiertenmörder von London. Mehr als 200 Männer wurden einvernommen, sechs standen unter dringendem Tatverdacht. Und doch blieb der Fall ungeklärt. Seit dieser Woche ist alles anders. Ein Hobbyhistoriker und ein Biochemiker haben die wohl spektakulärsten Serienmorde der Kriminalgeschichte neu aufgerollt und mithilfe von DNA-Analysen den Täter ausgeforscht. Der zählte damals schon zum Kreis der Verdächtigen, doch konnten ihm die Morde mangels geeigneter Untersuchungsmethoden bisher nicht nachgewiesen werden.

Grausam ermordet

London, im Zeitalter der Queen Victoria. Zwischen 31. August und 9. November 1888 werden im Elendsviertel East End fünf Prostituierte grausam ermordet. Ganz junge Frauen sind darunter, aber auch ältere, die man für ein paar Pennys "haben" kann. Von Anfang an – das erste Opfer hieß Mary Ann Nichols – wütete der Täter nach einem festgefahrenen Ritual: Er schnitt den Straßenmädchen nachts die Kehle durch, entriss ihrem Körper Brüste, Ohren, Nasen, Herz, Gebärmutter und hängte Organe an eine Wand beim Tatort, andere nahm er mit nach Hause.

Ende September 1888 schickte der Täter eine halbe Niere eines Opfers per Post an Scotland Yard. Ein "Bekennerbrief", den er an die Londoner Nachrichtenagentur Central News richtete, trug die Unterschrift "Jack the Ripper" (zu Deutsch: der Aufschlitzer). Dieses Pseudonym blieb in all den Jahrzehnten der wichtigste Anhaltspunkt für die Ermittlungsbehörden.

Und das, obwohl die schauerlichen Verbrechen eine der größten Polizeiaktionen der Kriminalgeschichte zur Folge hatten. Verdächtige wurden verhaftet und einvernommen – doch keinem konnten die Morde nachgewiesen werden.

Er wohnte beim Tatort

Auch Aaron Kosminski nicht, der jetzt, nach 126 Jahren, ins Zentrum der kriminalhistorischen Ermittlungen gelangte. Der mittels genealogischer Spurensuche ausgeforschte arbeitslose Friseur war 1881 mit seinen Eltern aus Polen nach England eingewandert, zum Tatzeitpunkt 23 Jahre alt, und er wohnte in der Providence Street, ganz nahe der Tatorte.

Der Name Kosminski scheint bereits gegen Ende des 19. Jahrhunderts in den Akten von Scotland Yard auf. Der paranoide Frauenhasser war aufgrund seiner Wahnvorstellungen 1885 in ein Irrenhaus eingewiesen worden, befand sich jedoch zum Zeitpunkt der Prostituiertenmorde wieder in Freiheit und wurde unter dem Verdacht, "Jack the Ripper" zu sein, einvernommen.

Das Schultertuch

Eine der getöteten Frauen war die 46-jährige Catharine Eddowes, die am 30. September 1888 als viertes Opfer der Mordserie am Mitre Square tot aufgefunden wurde. Neben ihrer Leiche lag ein blau-braunes Schultertuch mit Blutspritzern und Sperma-Spuren. Ein junger Polizist fand das Tuch und durfte es mit Erlaubnis seiner Vorgesetzten behalten, da es nach damaligem Stand für die Ermittlungen wertlos war. Seine Nachfahren bewahrten es – ohne es je gewaschen zu haben – bis vor sieben Jahren auf.

Genetische Spuren

Im Jahr 2007 gelangte der Schal in eine Auktion, bei der er "für einen hohen Betrag" vom britischen Geschäftsmann und "Ripper"-Forscher Russel Edwards ersteigert wurde. Kaum im Besitz des Beweisstücks, ließ er es durch den finnischen Biochemiker und Universitätsprofessor Jari Louhelainen auf genetische Spuren untersuchen. Dann spürte Edwards lebende Nachfahren der Catharine Eddowes und einer Schwester von Aaron Kosminski auf, die zur Untersuchung ihrer DNA bereit waren. Dabei kam heraus, dass das Blut auf dem Schal tatsächlich von der Prostituierten und die Spermien von dem Friseur stammten.

Kosminski ist der Täter

"Wir haben Jack the Ripper entlarvt", erklärte Russel Edwards diese Woche in der britischen Zeitung Daily Mail, der forensische Beweis sei erbracht, Kosminski mit dem Täter identisch. Noch näher will Edwards seine Theorie in dem dieser Tage erscheinenden Buch "Naming Jack the Ripper" erläutern. Internationale DNA-Experten vertrauen zwar den Forschungsergebnissen ihres finnischen Kollegen Louhelainen, fordern jedoch, dass zur Absicherung weitere Untersuchungen durchgeführt würden.

Der Fall blieb ungeklärt

Obwohl Kosminski von Anfang an zu den Verdächtigen zählte, wurde er bald aus der Untersuchungshaft entlassen. 1891 scheint sein Name wieder in den Akten von Scotland Yard auf, als er seine Schwester mit einem Messer bedrohte. Er war dann bis zu seinem Tod am 24. März 1919 immer wieder in Nervenheilanstalten interniert. Doch die Taten "Jack the Rippers" blieben ungeklärt.

Dabei hörten die Behörden nie auf, Englands spektakulärstem Kriminalfall nachzugehen. Bei Scotland Yard gibt es bis heute einen "Ripper"-Experten – er heißt Alan McCormick. Und er schließt sich den Erkenntnissen der neuen DNA-Analyse an: "Es war Aaron Kosminski."

Die Spur nach Wien

Die so lange unbeantwortete Frage, wer der Prostituiertenmörder war, hat seinerzeit zu einer regelrechten "Jack the Ripper"-Hysterie geführt. Unschuldige Männer wurden verhaftet, verhört und wieder freigelassen. Zu ihnen zählten angesehene Ärzte, Anwälte, ein Schriftsteller und Aristokraten. Der Prominenteste war Prinz Albert Victor, der Enkel der regierenden Queen Victoria, der aber "auf höchsten Befehl" von den Ermittlungsbehörden nicht behelligt wurde. Eine andere Spur führte nach Wien, wo man 1892 den Fleischergehilfen Alois Szemeredy in die k. u. k. Polizeidirektion brachte, da ihn Kriminalbeamte für "Jack the Ripper" hielten. "Verdächtig" an ihm war, dass er zum Zeitpunkt der Londoner Morde in Wien drei einander widersprechende Meldezettel ausgefüllt hatte. Dabei stand vom "Wiener Ripper" nicht einmal fest, ob er überhaupt je in London gewesen ist.

Rätsel gelöst

Sollten Kriminalisten und DNA-Forscher nach weiteren Untersuchungen tatsächlich zu dem Ergebnis gelangen, dass Kosminski mit absoluter Sicherheit der Täter war, hat die Kriminalgeschichte eines ihrer größten Rätsel gelöst.

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