Chronik | Welt
31.10.2017

Schwere Vorwürfe gegen Islam-Professor

Zwei Muslimas beschuldigen den charismatischen Gelehrten Tariq Ramadan der Vergewaltigung.

Tariq Ramadan, 55, wurde vom Time Magazine zu den 100 wichtigsten Persönlichkeiten der Welt gezählt. Auch im KURIER wurde der Enkel des Gründers der ägyptischen Muslimbruderschaft, Hassan Al-Banna, der in der Schweiz aufwuchs, als moderat, modern und als eine Art "Popstar unter den Islamwissenschaftern" bezeichnet.

In Frankreich erheben aber jetzt zwei Frauen schwere Vorwürfe gegen den Genfer Professor, der auch in Oxford lehrt. Er habe sie und weitere Frauen, die in den nächsten Tagen an die Öffentlichkeit gehen wollen, vergewaltigt. Eine der Anklägerinnen ist die in Frankreich bekannte muslimische Feministin Henda Ayarin (Ihr Buch heißt: "Ich habe die Freiheit gewählt"). Die 40-Jährige beschuldigt Ramadan, sie in einem Pariser Hotelzimmer vergewaltigt zu haben. Das Treffen war einvernehmlich, sie fand den Mann "schön und verführerisch" und habe sich von ihm küssen lassen. Doch dann habe sich der "Märchenprinz" in ein "Monster" verwandelt. Er habe sich auf sie gestürzt und sie stark gewürgt. Als sie sich wehrte, soll er sie geschlagen haben. "Es war die schlimmste Nacht meines Lebens", sagt die Frau zu Le Parisien.

Henda Ayarins Lebensgeschichte hat es in sich: Sie war die Frau eines Salafisten und auch selbst überzeugte Salafistin. Nach der schwierigen Trennung von ihrem Mann, bei der sie vorübergehend auch das Sorgerecht für ihre Kinder verlor, suchte sie im Glauben Orientierung, unter anderem auch bei Tariq Ramadan. Als sie auf Facebook ein unverschleiertes Foto von sich postete, wurde sie von Ramadan dafür kritisiert. Dennoch willigte sie in das Treffen in Paris ein.

Ramadan behandelte sie dann wie eine Ungläubige. Weil sie ins Hotelzimmer gekommen sei, habe sie verdient, so behandelt zu werden. "Ich solle nur den Schleier tragen, sonst sei ich eine Prostituierte", erinnert sich Ayarin.Der Professor, verheiratet, vier Kinder, bestreitet alles. Er will mit Verleumdungsklagen antworten, ist aber derzeit nicht erreichbar. Der eloquente Ramadan gerät auch anderswo in die Kritik: Im Westen vertritt er ein fortschrittliches Bild des Islam, andererseits schaffte er es nicht, sich explizit gegen die Steinigung von Ehebrecherinnen auszusprechen.