Redaktionssitzung bei der Straßenkinderzeitung Balaknama

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Indien
09/08/2016

Straßenkinder werden zu Journalisten

Eine Zeitung von Straßenkindern soll auf ihre miserablen Lebensumstände aufmerksam machen.

von Christoph Mödlhamer

In Indiens Hauptstadt Neu-Delhi haben Straßenkinder eine Zeitung mit dem Titel Balaknama gegründet. Der Titel ist Hindi für "Die Stimme der Kinder". Die vierteljährlich erscheinende Zeitung nimmt sich der Notlage obdachloser Kinder und Jugendlicher an. In indischen Metropolen gehören Straßenkinder zum Stadtbild. Alleine in Neu-Delhi leben 51.000. Trotzdem kümmert sich kaum jemand um ihre Schicksale: Sie werden zwar gesehen, aber nicht gehört.

"Die Zeitung ist unsere Stimme, um zu zeigen, was wir tagtäglich durchmachen und dass auch unsere Leben etwas wert sind", sagt der 17-jährige Herausgeber Shambhu, der untertags in noblen Gegenden Delhis als Autowäscher arbeitet. An der Zeitung arbeiten neben vier Redakteuren auch 64 Nachrichtensammler. Sie werden "Baantooni" – die Redseligen – genannt, weil sie meist weder schreiben noch lesen können. Die Nachrichtensammler sind es auch, die in Stadt und Land andere Straßenkinder befragen. Ihre Geschichten von Missbrauch, Ausbeutung, Drogen, Gewalt und Hunger übermitteln sie den Redakteuren mündlich, die diese verschriftlichen.

Die Zeitung soll vor allem eines: Bewusstsein schaffen und auf die Grausamkeiten und Ungerechtigkeiten aufmerksam machen, denen Straßenkinder täglich ausgesetzt sind. "Wir werden geschlagen und vertrieben. Wir dürfen nicht in Restaurants essen, selbst wenn wir Geld haben", sagt der 16-jährige Jyoti, einer der Redakteure. Die Zeitung ist ein Erfolg: Die Auflage stieg bislang auf 8000 Stück. Davon werden 3000 auf Hindi und 5000 auf Englisch verteilt. Eine indische Wohltätigkeit-sorganisation übernimmt die Kosten für Druck und Vertrieb. Ansonsten ist die Redaktion "völlig unabhängig", wie Shambhu betont. Er versichert: "Was auch immer veröffentlicht wird, ist unsere Idee". Verteilt wird die Zeitung auf Märkten, in Polizeistationen und auf der Straße.

Eine weitere positive Begleiterscheinung gibt es: Für viele Straßenkinder ist die Arbeit an der Zeitung Motivation genug, die Finger von Drogen zu lassen und wieder in die Schule zu gehen – mit dem Ziel, lesen und schreiben zu lernen.