Smog in Peking: "Weckruf" für China

CHINA SMOG
Foto: APA/HOW HWEE YOUNG

Jahrelang wurde in China das Wirtschaftswachstum forciert und die Umweltsituation vernachlässigt.

Der Smog-Alarm weitet sich von der 20-Millionen-Stadt Peking auf andere Städte aus. Die staatlichen Medien kritisierten am Montag erstmals heftig die laschen Maßnahmen der Behörden, die die wachsenden Umweltprobleme lange vertuscht haben. Dabei kommt die Sonne in Peking schon seit Jahren kaum noch durch den Smog. „Chinas Umweltverschmutzung akkumuliert sich“, schrieb Global Times, die vom Parteiorgan Volkszeitung herausgegeben wird. Behörden müssten aufhören, „die Probleme zu vertuschen und stattdessen die Fakten offenlegen“. Der Smog sei ein „Weckruf“: „Wenn wir diesen Entwicklungspfad weitergehen anstatt ihn zu korrigieren, werden die langfristigen Schäden gravierend sein“.

Bis Mittwoch gilt Alarmstufe Orange, die zweithöchste Warnstufe. Dann soll Wind Entlastung bringen.Vor allem Kinder und ältere Menschen sollen angesichts der Gesundheitsgefahr zu Hause bleiben. Auch Touristen wurden aufgefordert, ihre Hotels nicht zu verlassen. In den Apotheken sind Masken, die vor dem Feinstaub schützen, der von der Lunge direkt ins Blut geht, begehrt.

In 58 Unternehmen, die zu den größten Verschmutzern gehören, wurde die Produktion eingestellt. In 41 weiteren Fabriken und der Zementindustrie sei der Schadstoffausstoß um mehr als 30 Prozent verringert worden. Auch die Autofabrik von Südkoreas Hyundai stand still.

Nebel und Windstille

Der Smog entsteht durch Nebel, Windstille und Hochdruck. Nicht nur Peking ist davon betroffen, sondern auch die Zwölf-Millionen-Stadt Tianjin und die Zehn-Millionen-Stadt Shijazhuang. Dort verdoppelte sich die Zahl der Patienten mit Atemwegserkrankungen, melden Staatsmedien.

Greenpeace prangerte den steigenden Kohleverbrauch an, der zu zwei Drittel Chinas Energiebedarf deckt. „Die Luftverschmutzung kommt aus der ganzen Region. Wenn nur Peking allein etwas tut, kann es keine spürbaren Ergebnisse bringen“, sagte Greenpeace-Sprecherin Zhou Hong. Noch vor einem Jahr hat die Stadtregierung die Luftverschmutzung geleugnet.

Seit einer Woche herrscht dicke Luft in Peking – über der Stadt hängt bedrohlicher Smog. Die NASA hat nun veranschaulicht, wie bedrohlich dies aussieht – oben eine Aufnahme vom 3., darunter eine vom 14. Jänner. Auch auf dieser Aufnahme zeigt sich der Unterschied deutlich. Zwar haben die Behörden die Lage in Peking erstmals von "gefährlich" auf "sehr ungesund" herabgestuft. Deutlich verbessert hat sich die Situation aber nicht. Leichter Wind und Schneefall klarten am Dienstag den schmutzigen Dunst in der 20-Millionen-Metropole zumindest etwas auf. Von Aufatmen ist keine Rede: Die offiziellen Messstationen in der Hauptstadt zeigten zwar leicht fallende Schadstoffwerte, doch warnte der Index der US-Botschaft weiter vor "sehr ungesunder" Luft. Erstmals reagierte auch die Regierung auf die Umweltkrise – zuvor gingen die Staatsmedien ungewöhnlich deutlich mit der unzureichenden Reaktion auf den Mega-Smog ins Gericht. Auch Künstler Ai Weiwei hatte zuvor auf die Umweltkrise protestiert - er posierte mit Gasmaske. Das verschwenderische Wachstum in China ist nach Darstellung der Regierung die Ursache des Mega-Smogs in vielen Städten des Landes, so die Führung. In der ersten Stellungnahme der Zentralregierung zu der dramatisch verschärften Luftverschmutzung räumte Vizepremier Li Keqiang ein, dass China "sein ineffizientes Wachstumsmodell nicht fortsetzen kann". Hinter dem schlimmen Smog steckten extensive Produktionsmethoden und ungünstige Wetterlagen, sagte Li Keqiang. Der "Smoggürtel" hält nicht nur Peking sondern auch andere Städte in Nord-, Ost- und Zentralchina im Griff. In Millionenmetropolen wie Jinan (Provinz Shandong) oder Shijiazhuang (Hebei) lagen die Luftindexwerte weiter bei 500 bzw. 400 Punkten. Nur unter 50 gilt die Luft nach chinesischen Standards als "gut". Li Keqiang, der im März  an Chinas Staatsspitze Regierungschef werden soll, zeigte sich nicht besonders optimistisch: Die Beseitigung der Umweltschäden werde lange dauern. "Es hat eine lange Entwicklung hin zu diesem Problem gegeben, und auch die Lösung wird ein langfristiger Prozess. Aber wir müssen handeln", zitierte ihn das Staatsradio am Dienstag. Die Krisenkapazitäten der Umweltbehörden müssten gestärkt werden, andererseits müssten die Bürger sich besser schützen. Krankenhäuser berichteten von einem sprunghaften Anstieg von Atemwegserkrankungen sowie Herz- und Kreislaufproblemen. Einige Ärzte berichteten von einer Verdoppelung der Patientenzahlen. Die hohe Schadstoffbelastung setze besonders Alten, Kindern und Menschen mit chronischen Krankheiten zu. Die chinesische Umweltbehörde hatte zuvor mitgeteilt, sie starte ein Notfallprogramm zur Reduktion der Schadstoffe. So würde die Zahl der Regierungsautos auf den Straßen reduziert und die Emissionen von 54 Fabriken um ein Drittel gesenkt.  Auch werde man Bauarbeiten an 28 Baustellen vorübergehend stoppen. Die Bevölkerung klagte jedoch über die anhaltende Belastung. "Mein Schwiegervater ist auf die Intensivstation gekommen", berichtete die 44-jährige Wang Xiaohong. "Er konnte nicht mehr richtig atmen."
(kurier) Erstellt am
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