Russland
12/25/2016

Tupulew-Absturz: Anschlag "weniger wahrscheinlich"

Eine russische Militärmaschine war Sonntagfrüh in Adler, dem Flughafen von Sotschi in Südrussland, gestartet und kurz danach über dem Schwarzen Meer abgestürzt. An Bord war auch das Alexandrow-Ensemble, ein mehrfach ausgezeichneter Soldatenchor.

Beim Absturz eines russischen Flugzeugs auf dem Weg nach Syrien sind 92 Menschen ums Leben gekommen. Die Maschine vom Typ Tupolew Tu-154 ging Sonntagmorgen über dem Schwarzen Meer verloren. Rettungskräfte am Montag die Sucharbeiten fortgesetzt. Die ersten geborgenen Todesopfer wurden zur Identifizierung nach Moskau geflogen, wie Vizeverteidigungsminister Pawel Popow in Sotschi sagte.

Als Ursache werde technisches Versagen oder ein Pilotenfehler vermutet, sagte Transportminister Maxim Sokolow am Montag russischen Nachrichtenagenturen zufolge. Die Möglichkeit eines Terroranschlags sei weniger wahrscheinlich. Dem werde daher nicht nachgegangen und die Ermittlungen konzentrierten sich auf technische Mängel oder Pilotenfehler.

Die Blackbox mit den aufgezeichneten Daten und Tonaufnahmen aus dem Cockpit wurde bisher noch nicht gefunden. Die Suche nach Opfern und Trümmerteilen werde ausgeweitet. Derzeit sind daran 3.500 Personen, darunter mehr als 100 Taucher, beteiligt. Zudem sind 39 Schiffe, fünf Hubschrauber und eine Drohne im Einsatz. Des Weiteren suchen Soldaten die Küste am Schwarzen Meer ab.

Landesweite Trauer

Vorerst konnten zwölf Leichen aus dem Meer geborgen worden. In Russland herrschte am Montag landesweite Trauer wegen des Flugzeugabsturzes. Im Land wehten Flaggen auf Halbmast. Trauernde legten Blumen am Flughafen von Sotschi und vor dem Gebäude des Alexandrow-Ensembles in Moskau nieder.

An Bord waren 64 Sänger und Tänzer vom Alexandrow-Armeechor, wie das russische Verteidigungsministerium mitteilte. Der Armeechor sollte nach Syrien fliegen, um auf der russischen Luftwaffenbasis bei Latakia ein Konzert zu geben. Auch der Chorleiter, Generalleutnant Waleri Chilalow, starb.

Präsident Wladimir Putin ordnete für Montag Staatstrauer an. Ministerpräsident Dmitri Medwedew sprach von einer "fürchterlichen Katastrophe", wie die Agentur Interfax meldete. Die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) sprach Putin nach dem Unglück ihr Mitgefühl aus, wie die Regierung in Berlin mitteilte.

Die Maschine aus Moskau hatte in Sotschi eine Zwischenlandung eingelegt und war nach Militärangaben um 5.25 Uhr Ortszeit (3.25 Uhr MEZ) wieder gestartet. Zwei Minuten später sei der Kontakt abgerissen. Neben den Musikern seien acht Mann Besatzung, neun Fernsehjournalisten der Sender NTW, Erster Kanal und Swesda sowie Militärs und Beamte an Bord gewesen.

Flugschreiber noch nicht geortet

Nicht genannte Behördenvertreter sprachen zunächst von möglichen technischen Problemen im Steigflug. Routinemäßig gingen Ermittler auch dem Verdacht auf einen Anschlag nach. Die Maschine setzte den Angaben nach kein Notsignal ab. Die Trümmer verteilten sich auf dem Wasser über mehrere Kilometer. Sokolow erklärte das mit starker Strömung. Ende Oktober 2015 war ein russisches Touristenflugzeug mit 224 Menschen über der ägyptischen Sinai-Halbinsel gesprengt worden.

Russland kämpft seit Herbst 2015 im Syrien-Krieg aufseiten des Präsidenten Bashar al-Assad. Die militärischen Verluste waren dabei nach offiziellen Angaben begrenzt. Zur Versorgung der Basis Hamaimim betreibt das Verteidigungsministerium einen regen Luftverkehr. Dabei werden auch Zivilflugzeuge wie die 1983 gebaute Tupolew eingesetzt.

Anfang Mai hatte das russische Militär den Stardirigenten Waleri Gergijew und sein Orchester zu einem Konzert in die syrische Wüstenstadt Palmyra geflogen. In russischen Medien wurde gemutmaßt, dass der Chor ein Konzert in Aleppo geplant haben könnte. Eine zweite Maschine mit weiteren Musikern sei planmäßig in Hamaimim gelandet, berichtete die Zeitung "Nowaja Gaseta".

Die Tragödie werde nichts am russischen Verhältnis zu Syrien ändern, sagte der Vorsitzende des Außenausschusses im Parlament, Leonid Sluzki. "Die Beziehungen zu Syrien sind und bleiben sehr eng, auch im Rahmen der gemeinsamen Operation, den internationalen Terror vom Gebiet des Landes zu vertreiben", sagte er.

Russlands Verbündeter Assad sprach Putin sein Beileid aus. Der Absturz des Flugzeugs, das "gute Freunde" an Bord hatte, habe große Trauer hervorgerufen, schrieb Assad der staatlichen Nachrichtenagentur Sana zufolge.

Alexandrow-Ensemble

Das Alexandrow-Ensemble hat eine reiche Tradition als Soldatenchor der sowjetischen und russischen Armee. Gegründet wurde der Chor 1928 von Alexander Alexandrow (1883-1946), der auch die Nationalhymne der Sowjetunion komponierte. Das Repertoire umfasst etwa 2.000 Werke, zu denen orthodoxe Kirchenlieder, russische Volkslieder, Märsche, aber auch Meisterwerke der Popmusik zählen. Eine im Frühjahr geplante Tournee durch mehrere europäische Länder werde trotz des Unglücks nicht abgesagt, sagte der Europa-Manager des Alexandrow-Ensembles, Rudolf Heger, der tschechischen Nachrichtenagentur CTK. Es könne jedoch zu Terminänderungen kommen.

Einst das "Arbeitspferd" der russischen Luftfahrt

Tupolew-Passagierflugzeuge waren lange Zeit das Rückgrat der sowjetischen Luftfahrt und auch in vielen anderen Ländern im Einsatz. Das dreistrahlige Mittelstreckenflugzeug Tupolew-154 war das größte dieser Serie. Es absolvierte seinen Jungfernflug 1968 und ging 1972 bei der staatlichen sowjetischen Fluggesellschaft Aeroflot in den Dienst.

Die Flugzeuge ähneln in Design und Bauweise stark der Boeing 727. Insgesamt wurden mehr als 950 TU-154 ausgeliefert. Heute fliegen Maschinen diesen Typs in Russland nicht mehr im regulären Passagierbetrieb, sie werden nur noch von staatlichen Organisationen und der Armee eingesetzt. Nach mehreren Unfällen mit den veralteten Jets ordneten die russischen Behörden 2011 die allmähliche Ausmusterung aller Tu-154 im Passagierverkehr an. Im Jahr zuvor, am 10. April 2010, war die polnische Präsidentenmaschine beim Landeanflug auf die russische Stadt Smolensk in dichtem Nebel abgestürzt. Unter den 96 Todesopfern an Bord der Tu-154 war auch Polens Präsident Lech Kaczynski.

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