Chronik | Welt
20.12.2017

Roms Bürgermeisterin will nur noch überleben

Nach der Blamage um den hässlichen Christbaum gibt Virginia Raggi auf, sie tritt nicht mehr an.

Nach nur eineinhalb Jahren im Amt mag Virginia Raggi von der Fünf-Sterne-Bewegung des Beppe Grillo nicht mehr. Die Bürgermeisterin von Rom kündigte am Mittwoch an, dass sie kein zweites Mal kandidieren werde. Und dann sagte sie einen bemerkenswerten Satz: "Es ist schon ein Erfolg, lebend die Amtszeit zu beenden".

Die Blamage um den toten Christbaum der Stadt Rom hat wohl das Fass zum überlaufen gebracht. Für fast 50.000 Euro ließ die Rechtsanwältin eine mickrige Fichte aus dem Trientiner Fiemma-Tal auf der zentralen Piazza Venezia aufstellen.

Weltblamage

Der Baum wurde sogleich Spelacchio getauft, "räudig", "kahl" und "schäbig". Er sehe aus wie eine Klobürste, echauffierten sich die Römer. "Das Bild dieses sterbenden Baumes ist eine Weltblamage für die Stadt Rom", tobt Carlo Rienzi, der Präsident des Konsumentenschutzverbandes Codacons. Und die Rechtspolitikerin Giorgia Meloni behauptete: "Der arme Weihnachtsbaum ist an Traurigkeit wegen des Zustands Roms unter Raggis Führung gestorben." Die oppositionelle Demokratische Partei (PD) forderte Raggi auf, die sterbende Fichte auf eigene Kosten zu ersetzen. "Die ganze internationale Presse macht sich wegen des Weihnachtsbaums in Rom lustig", sagte PD-Mann Stefano Pedica.

Dabei hatte Raggi im Juni 2016 noch triumphiert. In der Stichwahl eroberte sie 70 Prozent der Stimmen. Doch die Anwältin hatte zu viel versprochen und von Beginn an mit erheblichen Schwierigkeiten zu kämpfen. Sie verlor ihre engsten Mitarbeiter wegen Korruptionsverdachts, und die größten Probleme der Stadt, Verkehr und Müllentsorgung, hat sie nie unter Kontrolle bringen können.

Dass kein zweites Mal kandidieren wolle, sorgt für größtes Gespött. Matteo Salvi, der Chef der Lega Nord erklärte: "Nach dem traurigen Ansehen des toten Christbaums ist Raggis Beschluss das beste Weihnachtsgeschenk für die Römer." Was besonders weh tut in Rom: Mailand, die ewige Rivalin Roms, hat einen wunderschönen Christbaum, der von Swarovski gesponsert wurde und die Stadt nichts gekostet hat.

Streit im Baltikum

Auch im Baltikum wird derzeit um den Christbaum-Brauch gestritten. Die Letten behaupten, dass der erste Weihnachtsbaum 1510 auf dem Rathausplatz in Riga aufgestellt wurde. Eine im Kopfsteinpflaster eingelassene Tafel erinnert daran – und heuer wurde mit viel Tamtam eine Mini-Tanne aus Bronze enthüllt.

Die Legende besagt, dass die Bruderschaft der Schwarzhäupter, in der sich im Mittelalter deutschstämmige Kaufleute versammelten, der Stadt zur Wintersonnwende eine Tanne zum Verbrennen stiftete. Doch der Baum sei so groß gewesen, dass die Flammen umliegende Häuser gefährdet hätten – und deshalb wurde er mit Stroh, Äpfeln und Wollfäden zum "Leuchterbaum" geschmückt. In Tallin, der Hauptstadt Estlands, ist man empört. Schon im Winter 1441 hätten die Schwarzhäupter eine geschmückte Tanne aufgestellt. Das sei ein heidnischer Brauch gewesen.