Reporter in Reaktor 4

The Long Shadow of Chernobyl - Chernobyl Update at
Foto: GERD LUDWIG /Gerd Ludwig Abgang ins Reich der Toten: zehn Tage lang wütete nach der Explosion vom 26. 4. 1986 das Feuer im AKW. Auslöser war ein Fehler bei einer Sicherheitsprüfung.

Gerd Ludwig war tiefer im Bauch des Atommeilers als jeder andere westliche Fotograf.

Gerd Ludwig beginnt seine Bild-Vorträge gern mit der Bemerkung, seine Zuhörer seien bei ihm sicher. Der deutsche Fotograf hat ein Talent dafür, die ganz großen Katastrophen zu versäumen. Das macht ihn zum idealen Fotografen für National Geographic, für das er seit den frühen 1990er-Jahren tätig ist. Das Magazin dokumentiert nicht das Ereignis selbst, sondern die Nachwirkungen. "Dieser Nachhall betrifft viel mehr Menschen als das Ereignis selbst", sagt Ludwig.

Chernobyl@20 Foto: GERD LUDWIG /Gerd Ludwig Arbeiter im Reaktor 4, die erlaubte Aufenthaltsdauer: 15 Minuten Ludwig war am 11. März 2011, am Tag der Nuklearkatastrophe von Fukushima, in Tschernobyl. Er widerstand dem Impuls, zum brandaktuellen Unglücksort zu eilen, hielt in Tschernobyl die Stellung und schaffte es bis in den "Bauch" von Reaktor 4.

KURIER: Herr Ludwig, Sie waren in den vergangenen 20 Jahren neun Mal in Tschernobyl, wie leben Menschen in der Nähe des Reaktors?
Gerd Ludwig:
Einige Menschen sind bereits kurz nach dem Unfall zurückgekehrt. Die Behörden haben das damals nicht verhindert. Die Begründung dafür: Es handle sich um alte Menschen, bis bei diesen der Krebs einsetzt, seien sie ohnehin eines natürlichen Todes gestorben. Diese Menschen wollen natürlich auch ein Mindestmaß an ärztlicher Versorgung. Aber da wird es schwierig, denn damit werden andere gefährdet, die mit dem Unfall nichts zu tun haben. Unter den Rückkehrern gibt es solche, die die Radioaktivität leugnen. Zum Ärger der Zonenbewohner verschreiben die Ärzte aber keinen Wodka auf Rezept. Der Glaube, dass Wodka vor der radioaktiven Strahlung schützt, hält sich hartnäckig.

Wie funktioniert das Fotografieren in einem verstrahlten Gebäude?
Ich war mit einem nervösen Begleiter unterwegs, der darauf achten musste, wie viel Strahlung ich abbekomme. Wäre die Gesamtdosis zu hoch, bekommt der nämlich Schwierigkeiten. Wir sind über Geröll und Leitungen durch dunkle Gänge gestolpert. In viele Räume konnte ich nur kurz hineinschauen, musste dann schnell wieder raus, bis der Blitz aufgeladen war, dann noch einmal kurz rein, um mein Bild zu machen. Für Komposition bleibt da keine Zeit.

Es heißt, die Natur habe sich erholt, Wölfe kehren zurück ...
Alles Blödsinn. Das erzählen die Touristenführer, wenn sie vom Bus aus einen entlaufenen Hund sehen. Die Zahl der Wildpferde ist von 50 auf 100 gestiegen. Nur für Pilze ist die Gegend ein Paradies. Daher steigen viele illegal über die Absperrung zum Sammeln.

Sie haben immer wieder mit Waisen und Strahlenopfern zu tun, wie bleibt man da als Berichterstatter professionell?
Die Kamera ist wie ein Blitzableiter, der die Emotionen ableitet. Wir müssen uns aber vor Augen führen, dass wir das Leid eines unterprivilegierten Menschen zunächst einmal erhöhen, wenn wir eine Kamera auf ihn richten. Es gab die eine oder andere Szene, wo ich mich abwenden musste. Der Horror kommt aber dann über mich, wenn ich schon im Hotelzimmer bin.

Zur Person

Gerd Ludwig Foto: KURIER/Jeff Mangione

Der 66-jährige Deutsche arbeitet seit den frühen Neunzigerjahren für National Geographic. Davor war Gerd Ludwig unter anderem für Geo, Stern, Spiegel, das Zeit-Magazin, Time und Life tätig. Ludwig lebt in Los Angeles. Das Bild entstand anlässlich eines Wien-Besuchs 2013 im Burggarten.

Buch des Erinnerns: Der Unglücksreaktor soll unter einem neuen, 2 Milliarden € teuren Sarkophag verschwinden. Dieser Bildband ist das fotografische Vermächtnis der Opfer: Gerd Ludwig/Michail Gorbatschow – Der lange Schatten von Tschernobyl. 252 Seiten, 127 Fotos. Hardcover im Schuber. Edition Lammerhuber. Preis: 75 €

Buchhttp://edition.lammerhuber.at/buecher/der-lange-schatten-von-tschernobyl

Jahrestag

Tschernobyl und Fukushima im Verhältnis 10 zu 1

Aerial view of TEPCO's tsunami-crippled Fukushima
Foto: Reuters/KYODO

Die Explosion in dem ukrainischen Atommeiler löste eine der nachhaltigsten Umweltkatastrophen in der Geschichte der Menschheit aus. Auch 25 Jahre nach dem Unglück ist die Zerstörung unermesslich. Der radioaktive Niederschlag verseuchte mehr als 100.000 Quadratkilometer des umliegenden Landes und vertrieb mehr als eine Viertelmillion Menschen für immer aus ihren Häusern.

Am 11. 3. jährt sich die Nuklearkatastrophe von Fukushima zum 3. Mal. Der österreichische Strahlenphysiker Georg Steinhauser von der Colorado State University hat die beiden Atomunfälle verglichen. Und kommt zu dem Schluss, dass die Auswirkungen von Fukushima etwa 10 Prozent von jenen nach Tschernobyl entsprachen. Das Maß dafür heißt Becquerel, es beschreibt den Zerfall von Atomen in einer Sekunde. Die Gesamtmenge der freigesetzten Strahlung betrug in der Ukraine 5300 Peta-Becquerel, in Japan 520 Peta-Becquerel, obwohl vier Reaktoren betroffen waren. Ein Gebiet von 30.000  galt nach Tschernobyl als hoch belastet, nach Fukushima 2000 . Schwere flüchtige Nuklide wie Strontium-90 und Plutonium gab es in Fukushima im Gegensatz zu Tschernobyl kaum.

Tipp:Der lange Schatten von Tschernobyl. Fotoausstellung in Kooperation mit der Edition Lois Lammerhuber. 14. 5.–1. 9. 2014. Naturhistorisches Museum Wien. Saal 50.

Opfer

50 "Akut-Tote" forderte die Kernschmelze von Tschernobyl, in Fukushima gibt es bis heute keine derartigen Todesfälle. Die Krebsrate in der Folge ist weit schwieriger zu beziffern.

Schätzungen für Kinder und Jugendliche setzen bei 7000 Fällen an und gehen von einer Erhöhung der Leukämierate bei den "Aufräumern" des Reaktors aus. Nach Fukushima dürfte sich die Zahl der Krebsfälle nur geringfügig erhöhen.

(kurier) Erstellt am
Posts anzeigen
Posts schließen
Melden Sie den Kommentar dem Seitenbetreiber. Sind Sie sicher, dass Sie diesen Kommentar als unangemessen melden möchten?