Chronik | Welt
17.06.2018

Rechter Sheriff sagt den Guerilleros den Kampf an

Die heutige Präsidentschafts-Stichwahl ist eine klare Richtungsentscheidung zwischen Links und Rechts.

Er hat sie sogar in Stein meißeln lassen: Gustavo Petro (58), Ex-Guerillero der linken Kampfgruppe M19, präsentierte in dieser Woche seine Wahlversprechen, eingehauen in Marmor. Es war eine Gegenleistung an die Grüne Partei Kolumbiens,die sich vor der heutigen Stichwahl um das Präsidentenamt auf seine Seite stellte.

In den Versprechen enthalten ist eine ganze Reihe von Zusagen, die Petro einzuhalten ankündigt: keine verfassungsgebende Versammlung, Respekt vor den Institutionen, keine Verstaatlichungen.

Der Ex-Bürgermeister Bogotas Gustavo Petro (Bündnis Menschliches Kolumbien) will damit die Vorwürfe des rechten Gegenkandidaten und Favoriten Ivan Duque (Demokratisches Zentrum) kontern. Duque stammt aus dem Lager des immer noch extrem populären rechtskonservativen Ex-Präsidenten Alvaro Uribe (2002 bis 2010). Und die wirft Petro vor, Kolumbien in ein zweites Venezuela verwandeln zu wollen.

Duelle der Ideologien

Garniert werden diese Vorwürfe mit Ausschnitten aus Reden des jungen Gustavo Petro, die ihn an der Seite des 2013 am Krebs verstorbenen venezolanischen Revolutionsführers Hugo Chavez zeigen. Damals kündigte Petro an, genau jenen Weg gehen zu wollen, den er jetzt ausschließt.

Petro schwärmt von einer Art Arbeiter und Bauernstaat. Die Avocado ist zum Symbol seiner ganz auf die ländliche Bevölkerung und der Träume der sogenannten Kleinbauern ausgerichteten Kampagne. Duque ist Vertreter einer klassischen Law-and-Order-Politik, der ein modernes Kolumbien verspricht und eine knallharte Strategie gegen Kriminalität und Drogenhandel. Die Umfragen sagen einen Sieg Duques voraus. Er soll mit rund zehn Prozent der Stimmen führen, doch Petro hat aufgeholt, er dominiert die Diskussion in den sozialen Netzwerken und führt einen internetaffinen Wahlkampf.

So zum Beispiel im Einkaufszentrum Unicentro: Bevor sich Petro entschließt „spontan“ in die Shopping Mall im wohlhabenden Norden Bogotas zu spazieren, fluten Dutzende Anhänger Petros das Gebäude. Als er die Hallen betritt, schallen plötzlich begeisterte „Petro, Petro“ Rufe durch die Gänge. Sein Wahlkampfteam hält die Szene im Video fest und so entsteht der Eindruck, dass ganze Einkaufszentrum feiere den Linkspolitiker ausgerechnet in einer Gegend der Hauptstadt, in der eigentlich sein Rivale dominiert.

Petro gelingt es, die Massen zu mobilisieren, wie vor ihm kaum einem linken Politiker im traditionell rechts geprägten Kolumbien. „Die Öl- und Kohleindustrie bringt nur 300.000 Arbeitsplätze. Allein der Kaffeeanbau aber sorgt für 1,5 Millionen Arbeitsplätze. Stellt Euch vor, was eine Avocado-Industrie möglich machen könnte. Man muss diese Produkte industrialisieren und es schaffen, dass der Produzent auch der Eigentümer dieser Industrie ist.“

Mit seinem Vorschlag erreicht Petro die Herzen der Campesinos und es gelingt ihm in eine offene Wunde zu stoßen: Kolumbien ist trotz eines beträchtlichen Wirtschaftswachstums in den letzten Jahren und einer breiter gewordenen Mittelschicht immer noch eines der Länder mit der größten Ungleichheit auf der Welt.

Aber auch Duque (41) mobilisiert sein Lager. Duque spielt die emotionale Karte und warnt vor einer Machtübernahme der linken „Castro-Chavistas“ wie er das Petro-Lager angesichts der ideologischen Nähe zu Hugo Chavez nennt. Angesichts von rund einer Million Flüchtlingen die laut Roten Kreuz in den vergangenen zwei Jahren aus dem sozialistisch regierten Krisen-Staat Venezuela über die Grenze strömten, ein durchaus effektives Drohpotential. Das wird wohl reichen, um die Wahlen zu gewinnen.