Chronik | Welt
16.07.2017

Indien: "Unberührbare" immer noch benachteiligt

Beide Kandidaten für die morgige Präsidentschaftswahl sind zwar Dalits, aber das ändert im Prinzip nicht viel.

Am Montag wählen 5000 Abgeordnete den neuen Staatspräsidenten Indiens, der wie unser Bundespräsident eher Repräsentationsaufgaben hat. Die zwei Kandidaten kommen aus der untersten Kaste der "Unberührbaren", den Dalits. So gesehen ist die Wahl ein symbolisches Zeichen, aber auch nicht mehr. Denn die gesellschaftliche Stellung dieser Gruppe wird nicht besser.

Erst vor kurzem machte das nordindische Dorf Shabbirpur Schlagzeilen. 50 Häuser der Dalits wurden von Angehörigen der höheren Thakur-Kaste abgebrannt, ein Jugendlicher kam ums Leben. An diesen Übergriffen wird nach Ansicht der Menschen in Shabbipur auch ein Dalit-Staatschef nichts ändern. "Die Parteien versuchen nur, sich bei den Dalits einzuschmeicheln, um unsere Stimmen bei den nächsten Wahlen zu bekommen", meint der 61-jährige Shivraj in Shabbirpur zu einem Reporter der dpa. "Wird der neue Präsident überhaupt die Macht haben, Gräueltaten gegen Dalits zu stoppen? Es ist ja nur ein zeremonieller Posten, wichtig ist die Politik der Regierung."

Den rund 200 Millionen Dalits wird weiter der Zutritt zu Tempeln oder das Trinken aus Gemeinschaftsbrunnen verboten. Noch heute haben die meisten Dalits kein Land und verrichten niedere Dienste.

Bildung gegen Armut

Die jüngere Generation ist gebildet und wehrt sich gegen die Unterdrückung. Sie will auf Augenhöhe mit anderen kommunizieren, doch die Vorurteile sitzen tief. Viele aus höheren Kasten können es nicht ertragen, ihre Vorherrschaft zu verlieren.

"Das Kastensystem hat tausende Jahre Bestand gehabt, weil soziale Kennzeichen die Existenz der Menschen bestimmten", sagt Chandra Bhan Prasad, ein Dalit-Intellektueller. "Heute überwiegen im Kapitalismus materielle Kennzeichen." So sei eine Dalit-Mittelschicht erwachsen. Doch Heiraten zwischen den Kasten sind immer noch ein großes Problem, da meistens die Eltern Braut und Bräutigam aussuchen.

Immerhin haben es Dalits an die Spitze des Landes gebracht: Der Gouverneur des Bundesstaates Bihar, Ram Nath Kovind, und die Kandidatin der Oppositionsparteien, Meira Kumar, eine frühere Diplomatin und Parlamentspräsidentin, sind die Kandidaten für das Präsidentenamt. Egal wer gewinnt, Indien wird seinen zweiten Dalit-Präsidenten nach K. R. Narayanan (1997–2002) bekommen.