Chronik | Welt
15.02.2018

Schulschießereien: Alltag im Land der unbegrenzten Waffenrechte

Das Jahr 2018 ist noch nicht einmal sieben Wochen alt, doch seine Bilanz ist in Hinsicht auf Schul-Schießereien in den USA bereits grauenvoll.

Der 19-jährige Nikolas C. ging am Mittwoch in Parkland, Florida, in seine ehemalige Schule, tötete mit einem halbautomatischen Gewehr und massenhaft Munition mindestens 17 Menschen und verletzte Dutzende weitere. Der mutmaßliche Schütze, der wegen Disziplinarverstößen der Schule verwiesen worden war, soll eine Gasmaske aufgesetzt, mit Rauchbomben einen Feueralarm ausgelöst und dann mit einer AR-15 das Feuer auf fliehende Schüler und Lehrer eröffnet haben. Später hatte er sich unter die Schüler gemischt und sei so geflohen. Eine Stunde später konnte er aber verhaftet werden, am Donnerstag wurde er angeklagt.

Nach dieser grausamen Tragödie an der Marjory Stoneman Douglas High School, an der über 3.000 Schülern von 129 Lehrern unterrichtet werden, klettert die Zahl der Schulschießerein im Land der fast unbegrenzten Waffenrechte bereits auf 18. Bei acht davon wurden Menschen entweder verletzt oder getötet. All das ist wohlgemerkt nur die Statistik für das bisherige Jahr 2018 mit seinen 45 Tagen.

Nur noch die wenigsten dieser Vorfälle schaffen es überhaupt noch in die großen nationalen oder gar internationalen Schlagzeilen. Dass Donald Trump am Mittwoch twitterte, kein Kind solle sich in einer amerikanischen Schule unsicher fühlen, mag als frommer Wunsch durchgehen, kann der Realität auch fünf Jahre nach den grausamen Vorfällen in Sandy Hook, bei dem neben dem Täter 20 Grundschüler und sechs Angestellte getötet wurden, und 19 Jahre nach dem Massaker an einer High School in Columbine (mit zwölf toten Schülern, einem Lehrer und zwei Täter) aber nicht im Geringsten entsprechen.

Seit Sandy Hook gab es laut New York Times mindestens 273 Schulschießereien mit 121 Toten und 439 Verletzten. Dazu kamen mutmaßliche tausende Traumatisierte. Der bekannte Autor und Journalist Malcolm Gladwell nannte Schulschießereien ein "überwältigend amerikanisches Phänomen" und machte unter anderem die leichte Verfügbarkeit von Waffen dafür verantwortlich. Es boomt aufgrund des großen Unsicherheitsgefühls nach hunderten Vorfällen in den letzten Jahrzehnten eine private Sicherheitsbranche rund um Schulen. Analysten schätzen diese mittlerweile 2,7 Milliarden Dollar schwer ein.

Gesetzliche Reaktionen auf eine Tragödie nach der anderen blieben unterdessen praktisch immer aus oder hatten rein kosmetischen Effekt, wie das Verbot einzelner Waffengriffe. Rief Ex-Präsident Barack Obama nach Ereignissen den zuständigen Kongress teils unter sichtbaren Emotionen noch zum Handeln auf, wollte Amtsinhaber Trump nach Schießereien in seiner Amtszeit davon nichts wissen. Auch nicht als im Oktober ein Mann mit seinen automatischen Waffen aus noch immer ungeklärten Gründen in Las Vegas aus einem Hotelzimmer 58 Menschen tötete und 851 verletzte. Die Debatte über Waffengesetze sei "nichts für jetzt", sagte er damals.

Republikaner verhindern Regulierung

Als Privatperson hatte Trump noch Sympathien für strengere Gesetze erkennen lassen. Im Vorfeld seiner republikanischen Kandidatur für das Präsidentenamt rückte er jedoch zunehmend davon ab. Strengere Regulierungen scheitern vor allem am Widerstand der Republikaner, die zuletzt diverse Regularien sogar aufweichen wollten.

Stets warnt die derzeit regierende Partei nach Amokläufen und Schießereien vor Anlassgesetzgebung und will ohne Anlass auch nicht darüber sprechen. Ex-GOP-Präsidentschaftskandidat Marco Rubio warnte am Donnerstag etwa vor schnellen Schlüssen. Man wisse schließlich noch nicht, ob strengere Waffengesetze die Tragödie in Parkland verhindert hätten. Der umstrittene zweite Verfassungszusatz in den USA, der das Recht Waffen zu besitzen und zu tragen ausdrücklich festschreibt, bleibt daher auch nach solchen Tragödien wie in Florida am Mittwoch weitgehend unangetastet.

Das Verhältnis mancher Amerikaner zu Waffen drückt sich gut aus in einem - schon grundlegend fragwürdigen aber am gestrigen Valentinstag auch enorm schlecht gealterten - Instagram-Post der National Rifle Association (NRA). Gewehre, Pistolen, Munition und ein Zielkreuz bilden das Wort "Love". Frohen Valentinstag!

Zwar zeigen Umfragen stets Mehrheiten in der US-amerikanischen Bevölkerung für strengere Gesetze und, ein nicht unwesentlicher Teil hat die Waffenfreiheit aber auch als ihr Herzensthema erkannt. Und dieser macht über Aktivismus und Lobbyismus Druck auf Abgeordnete und Behörden.

42 Prozent der Amerikaner leben in einem Haushalt mit Waffen, zwei Drittel davon haben mehr als eine. Jeder fünfte Waffenbesitzer ist Mitglied der NRA, die vehement das Recht auf den Besitz und das Tragen möglichst vieler Waffen verteidgt. Ebensoviele haben bereits einmal einen Politiker wegen der Waffenpolitik kontaktiert, 28 Prozent deshalb bereits auch an entsprechende Organisationen gespendet. Für drei von vier Waffenbesitzern ist das Recht auf die Waffe "wesentlich für ihre Freiheit".