Chronik | Welt
11.06.2017

Londons Kriminalpolizei: Scotland Yard im Visier

Die berühmtesten Ermittler der Welt stehen nach den jüngsten Terroranschlägen in der Kritik. Und das nach einer fast 200-jährigen Erfolgsgeschichte.

Die Attentäter von London waren als IS-Sympathisanten polizeibekannt und liefen dennoch frei herum. Bis es vorige Woche zur Katastrophe kam, die acht Menschenleben forderte. Nicht nur in Großbritannien fragt man sich, ob der Terroranschlag hätte verhindert werden können. Im Visier der Kritik stehen Englands Sicherheitsbehörden, allen voran Scotland Yard, die berühmteste Polizeiorganisation der Welt, mit ihrer einzigartig dastehenden Geschichte.

Als sich London zur Millionenmetropole und zur größten Stadt der Welt entwickelte, stiegen auch die Kriminalitätsraten rasant an. Um dem entgegenzuwirken, gründete Innenminister Sir Robert Peel 1829 den Scotland Yard, dessen Straßenpolizisten bis heute Peels Spitznamen "Bobby" tragen. Die wichtigste Truppe bildete aber die nicht uniformierte Kriminalabteilung (Criminal Investigation Department), die durch revolutionäre Fahndungsmethoden weltweiten Ruhm erlangte. Die Detektive von Scotland Yard waren die ersten, die mittels Fingerabdruck, Fotografie und Kriminaldatenbanken Verbrechern auf die Spur kamen.

-Telegrafenleitung 1845 wurde der erste Täter mit Hilfe eines Telegrafen gefasst: Als der Frauenmörder John Tawell per Zug vom Bahnhof Slough zur Londoner Station Paddington flüchtete, telegrafierten die Beamten des "Yard" hinter ihm her, worauf er bei der Ankunft in Paddington verhaftet werden konnte.

-Die Queen in Gefahr Scotland Yard war anfangs extrem unbeliebt, weil sich allzu viele Bürger beobachtet und in ihrer Freiheit eingeschränkt fühlten. Als aber Mitte des 19. Jahrhunderts einige geplante Attentate auf die beliebte Königin Victoria verhindert werden konnten, wurden die Polizisten immer populärer.

-Verbrecherkartei Damals kam es auch zu einer Serie brutaler Eisenbahn-Attentate, die den Briten Angst machten. Chefinspektor Richard Mayne baute die Spurensicherung und den Erkennungsdienst auf und konnte die Eisenbahnräuber durch eine neu angelegte Verbrecherkartei fassen.

-Fotos Die erste Fotografie zur Klärung eines Verbrechens kam 1860 zum Einsatz, als in London ein indischer Prinz entführt wurde. Scotland Yard veröffentlichte ein Foto (damals noch Daguerreotypie genannt) des Prinzen und setzte eine hohe Belohnung für sachdienliche Hinweise aus, worauf das Entführungsopfer entdeckt und die Täter verhaftet werden konnten.

-Fingerabdruck 1897 wurde der erste Verbrecher anhand eines Fingerabdrucks überführt, heute werden natürlich die modernsten DNA-Methoden angewandt.

Scotland Yard hat nichts mit Schottland zu tun, die berühmte Polizeibehörde verdankt ihren Namen dem ersten Wachzimmer, das in der Straße Great Scotland Yard in London lag. Weltweite Beachtung erlangten die Polizeidetektive durch Kriminalromane und Filme von Edgar Wallace, Agatha Chistie und Arthur Conan Doyle, dessen Kunstfigur Sherlock Holmes den Kollegen vom "Yard" nur allzu gern ins Handwerk pfuschte.

Um nichts weniger spannend sind die tatsächlichen Fälle, denen Scotland Yard in seiner 188-jährigen Geschichte nachging:

-Jack the Ripper Zwischen August und November 1888 wurden im Londoner East End fünf Prostituiertenmorde verübt, die einem Täter zugeschrieben werden. Dieser ging als "Jack the Ripper" in die Kriminalgeschichte ein, konnte aber nie gefasst werden.

-Der Mordfall Crippen In die Schlagzeilen geriet Scotland Yard auch durch den Mordfall Crippen. Der in London lebende amerikanische Arzt Dr. Hawley Crippen hatte im Jänner 1910 seine Ehefrau Cora vergiftet, ihren Körper zerstückelt und im Keller vergraben. Als Crippens Geliebte bei ihm einzog, fiel Nachbarn auf, dass sie den Schmuck seiner abgängigen Frau trug. Scotland Yard leitete eine Großfahndung nach dem mittlerweile flüchtigen Dr. Crippen ein, der schließlich in New York festgenommen werden konnte. Er wurde zurück nach London gebracht, zum Tod verurteilt und hingerichtet.

-Der große Postraub Am 8. August 1963 wurde der Postzug von Glasgow nach London überfallen. Bei diesem größten Postraub aller Zeiten wurden 120 Geldsäcke mit 2,6 Millionen Pfund (heute rund 50 Millionen €) erbeutet. 13 der 16 Täter konnten von Scotland Yard gefasst werden, ein Teil der Beute blieb verschwunden. Ronald Biggs, dem "populärsten" unter den Posträubern, gelang die Flucht aus dem Gefängnis, er setzte sich nach Rio de Janeiro ab, wo er mangels eines Auslieferungsabkommens fast drei Jahrzehnte das Leben eines Dandys führte und Interviews wie ein Hollywoodstar gab. Erst als Biggs 2001 nach London flog, wurde er verhaftet und für acht Jahre ins Gefängnis gesteckt. Die filmische Aufarbeitung des Kriminalfalles in der Fernsehserie "Die Gentlemen bitten zur Kasse" war einer der größten Straßenfeger aller Zeiten.

-U-Bahnterror Mit "Gentlemen-Ganoven" haben es die 43.000 Scotland-Yard-Mitarbeiter schon lange nicht mehr zu tun. London zählt heute weltweit zu den vom Terror am meisten gefährdeten Städten. Zum schwersten Anschlag in der britischen Geschichte kam es am 7. Juli 2005, als islamistische Selbstmordattentäter in drei U-Bahnzügen und einem Autobus Bomben zur Explosion brachten. 56 Menschen wurden dabei getötet, mehr als 700 verletzt.

-Im Parlament Ein weiterer Anschlag ereignete sich am 22. März 2017, als ein IS-Terrorist mit einem gemieteten Auto über die Westminster Bridge raste, vier Menschen tötete und 40 verletzte. Danach lief er in das Gelände des Westminster Palasts, in dem das britische Parlament tagt, und erstach einen Polizisten.

-London Bridge Und am vorigen Wochenende fuhren drei Attentäter auf der London Bridge mit einem Lastwagen in eine Menschenmenge und stachen danach auf Passanten ein, wobei acht Menschen starben. Scotland Yard, aber auch der britische Geheimdienst MI5 gerieten ins Kreuzfeuer der Kritik, weil verdächtige Personen nicht oder nicht lange genug observiert worden waren.

Eins steht fest: Die Zeiten, in denen man über die Fälle von Scotland Yard Kriminalromane als launige Bettlektüre schreiben konnte – die sind endgültig vorbei.