Chronik | Welt
01.09.2017

Hurrikan Harvey: "Nimm jede Hilfe, die du bekommen kannst"

Die Anteilnahme am Schicksal der Flutopfer ist groß. Hilfe erhalten sie auch von ehemaligen Leidensgenossen.

Das Wasser geht zurück, sehr langsam, aber doch. In Houston kehren Hochwasseropfer zu ihren überschwemmten Häusern zurück - und stehen oft vor dem Nichts.

Selbst wenn der Schlamm abtransportiert, die Mauern trockengelegt und neue Möbel besorgt werden können, wird es Monate dauern, bis die Wohnungen wieder bezogen werden können.

Hurrikan Harvey und die mit ihm kommenden Wassermassen haben in der vergangenen Woche rund 100.000 Gebäude zerstört. Mindestens 39 Menschen starben. Eine Million Menschen mussten ihr Zuhause verlassen und etwa bei Freunden im Landesinneren Unterschlupf suchen. Mehr als 32.000 Menschen sind obdachlos, sie leben derzeit in Notunterkünften.

Stimmen die Expertenschätzungen, wird Harvey als teuerstes Naturereignis aller Zeiten in die US-Geschichte eingehen. Laut dem texanischen Gouverneur Abbott wird der Wiederaufbau die Kosten des Wiederaufbaus nach Hurrikan Katrina 2005 deutlich übersteigen, Diese betrugen 125 Milliarden Euro.

Woher das Geld kommen soll, ist noch offen. Mehr als 80 Prozent der Flutopfer sind nicht gegen Wasserschäden versichert. US-Präsident Trump verhandelt laut Medien mit dem Kongress über eine Freigabe von sechs Milliarden Dollar als Teil eines größeren Hilfspaketes. Aus seinem Privatvermögen spendet der Milliardär eine Million Dollar.

Private Initiativen

Große Bedeutung kommt in diesen Tagen Hilfsaktionen der Bevölkerung zu. Vereine starten Spendensammlungen, Kinder verkaufen Limonade, um den Flutopfern zu helfen, Prominente wie Sandra Bullock spenden Millionen.

Hilfreich sind zudem Ratschläge, die den Menschen in ihrer derzeitige Situation wirklich helfen und die von Menschen kommen, die wissen, wovon sie reden: den Opfern von Hurrikan Sandy, der 2012 in New York und New Jersey wütete und mehr als 100 Menschen tötete.

"Nimm jede Hilfe, die du bekommen kannst", rät Elizabeth Murphy ihren Leidensgenossen, "auch wenn es sich unangenehm anfühlt." Murphy war hochschwanger, als "Sandy" ihr Zuhause zerstörte, neun Monate lang zog die Frau mit ihrem Mann, dem Baby und zwei Kleinkindern von Unterkunft zu Unterkunft.

Nützliche Tipps

Es sei wichtig, konkret zu sein, wenn Hilfe angeboten werde, sagt Murphy in der New York Times. "Wir haben zwei Autos verloren. Als uns Freunde und Verwandte fragten, was sie tun könnten, liehen sie uns ein Auto für zwei Monate. Es gab nirgends auch nur ein Auto zu mieten." Hilfreich sei es auch, für Flutopfer in Telefon-Warteschlangen auszuharren, damit diese während der oft sehr langen Wartezeiten andere Aufgaben erledigen könnten.

Zu den praktischen Tipps anderer Sturm-Überlebender zählt der Rat, für den Betrieb von Generatoren Treibstoff aus Autowracks zu sammeln, bei Gesprächen mit Versicherungen jedes Detail und jeden Namen zu notieren, hartnäckig auf seine Rechte zu pochen und vor allem einen langen Atem zu haben.

Bis wieder ein Zuhause bezogen werden könne, sei es vor allem für die Kinder wichtig, eine tägliche Routine aufrecht zu erhalten, sagt Murphy: "Das tägliche Bad zur gleichen Zeit, die gewohnten Fernsehserien." Aber auch für einen selbst seien gewohnte Abläufe sinnvoll, um sich besser zu fühlen, ergänzt Joelle Mortrison, die durch "Sandy" allen Besitz verloren hatte. "Auch in einer Notunterkunft sollte man sein Bett machen."

Wichtig sei auch, trotz aller Probleme zu lachen und sich an kleinen Dingen zu erfreuen, so Morrison - sie selbst habe damals ein herumhoppelndes Eichhörnchen zum Schmunzeln gemacht.

Angst vor neuem Hurrikan

Harvey zieht währenddessen weiter nach Tennessee und Kentucky und Meteorologen blicken sorgenvoll auf den nächsten Hurrikan. "Irma" ist derzeit noch mehrere tausend Kilometer von den USA entfernt, könnte aber aus derzeitiger Sicht in zwei Wochen irgendwo zwischen Florida und Texas auf Land treffen.