Die Lufthansa in Erklärungsnot

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Foto: Reuters/HANDOUT; AP/UNICREDITED Retter mit Wrackteilen an der Unglücksstelle. Copilot Andreas L. soll die Passagiermaschine absichtlich zum Absturz gebracht haben

Copilot Andreas L. hatte das Unternehmen selbst über seine Depression informiert.

Mehr als eine Woche nach der Germanwings-Katastrophe mit 150 Toten gerät die Lufthansa weiter unter Druck. Man wisse nichts von psychischen oder anderen Erkrankungen des Piloten Andreas L., hieß es zunächst bei der Airline: "Wir haben da keine eigenen Erkenntnisse", sagte ein Lufthansa-Firmensprecher am Sonntag. Medien hatten da schon seit Tagen über die schweren Depressionen des 27-jährigen Copiloten berichtet, der die Maschine offenbar absichtlich zum Absturz brachte.

Flug Richtung Wien kehrte nach Dublin zurück: Mehr dazu hier

FRANCE GERMANWINGS PLANE CRASH AFTERMATH Foto: APA/EPA/SEBASTIEN NOGIER Carsten Spohr (li.) und Thomas Winkelmann beim Gedenkstein Dann die Wende: Am Dienstag teilte die Lufthansa mit, dass man bereits 2009 von einer psychischen Erkrankung des damaligen Flugschülers gewusst habe. L. habe nach einer krankheitsbedingten Unterbrechung seiner Ausbildung die Verkehrsfliegerschule des Unternehmens über eine "abgeklungene schwere depressive Episode" informiert. Dies sei im Zusammenhang mit der Wiederaufnahme seiner Ausbildung durch Übersendung medizinischer Unterlagen erfolgt. L. sei damals die Flugtauglichkeit bestätigt worden, hieß es.

"Flugtauglich"

Die Lufthansa betonte, Andreas L. habe zum Zeitpunkt des Absturzes "ein voll gültiges Tauglichkeitszeugnis" besessen. Konzernchef Carsten Spohr, 48, hatte kurz nach dem Unglück in Südfrankreich auch gesagt, der Copilot sei "100 Prozent flugtauglich ohne Einschränkung" gewesen. Seit Tagen ist aber bekannt, dass Andreas L. am Tag der Katastrophe eigentlich krankgeschrieben war, was er seinem Arbeitgeber jedoch verheimlichte.

2009 musste Andreas L. nach der Unterbrechung seiner Ausbildung nicht nur erneut die medizinische Eignungsprüfung für Piloten bestehen, er musste sich auch psychiatrisch begutachten lassen. Das erfuhr die Zeitung Welt aus Unternehmenskreisen. Das Ergebnis des Gutachtens war, dass L. seine Ausbildung wieder aufnehmen durfte, aber einen SIC-Vermerk bekam. Dieser wurde in seiner Pilotenlizenz, nicht aber im Tauglichkeitszeugnis vermerkt. Ein SIC-Vermerk ist ein Hinweis auf eine schwerwiegende Krankheit, der der Flugarzt bei der jährlichen Routine-Untersuchung besondere Aufmerksamkeit schenken soll.

Laut Welt wurde Andreas L. am Beginn seiner Laufbahn als Copilot von Germanwings 2013 im Aeromedical Center der Lufthansa untersucht. Ein Jahr später kam er zu einer Routine-Untersuchung bei einem Lufthansa-Mediziner. Ob dann erneut psychiatrische Gutachten beauftragt wurden, ist nicht bekannt.

Widerspruch

Am Sonntag hatte sich die Lufthansa in Bezug auf die Erkrankung des Copiloten noch auf die ärztliche Schweigepflicht berufen: "Deswegen war uns das nicht bekannt", so ein Sprecher. Dies steht im Widerspruch zu den neuen Lufthansa-Aussagen, laut denen Andreas L. selbst das Unternehmen über seine Erkrankung informierte.

Carsten Spohr reiste erneut zur Unglücksstelle in die französischen Alpen. Zu den jüngsten Neuigkeiten äußerte er sich nicht. Gemeinsam mit Germanwings-Chef Thomas Winkelmann legte Spohr einen Kranz nieder. In Le Vernet versprach Spohr den Hinterbliebenen: "Wir möchten so lange helfen, wie Hilfe benötigt wird."

Rätsel um Video

Ein Video aus der Unglücksmaschine soll laut Medien Bilder aus den letzten Sekunden des Flugs 4U9525 zeigen. Der Marseiller Staatsanwalt Brice Robin dementierte dies. Für den Fall, dass jemand über ein Video verfüge, solle dies unverzüglich an die Ermittler übergegeben werden, sagte Robin. Es seien Handys gefunden worden; diese seien aufgrund des Aufpralls aber in sehr schlechtem Zustand: "Ich weiß nicht, ob sie ausgewertet werden können."

Reporter wollen auch Aufzeichnungen des Voice-Recorders gehört haben. Demnach habe der Kapitän versucht, mit einer Brechstange zurück ins Cockpit zu kommen, nachdem ihn der Copilot ausgesperrt hat. Dieser saß auf der anderen Seite der Tür und atmete mit Hilfe einer Sauerstoffmaske. Den Journalisten zufolge hört man auch die Schreie der Passagiere.

An der Absturzstelle wurden weiter persönliche Gegenstände der Toten gesichert. Außerdem ging die Suche nach dem Flugdatenschreiber weiter.

In Großbritannien haben Kinos den Film "Wild Tales" wegen Parallelen zum Absturz der Germanwings-Maschine mit einem Warnhinweis versehen. Der Film enthalte Szenen, die Zuschauer verstören könnten, hieß es. In einem der Episodenfilme des Regisseurs Damian Szifron entdecken Passagiere nach und nach, dass sie mit dem Flugbegleiter bekannt waren und ihm in irgendeiner Weise Leid zugefügt haben. Der Flugbegleiter verschanzt sich im Cockpit und will die Maschine zum Absturz bringen.

Aus welchen Speichermedien man noch Daten retten kann: Mehr dazu hier.

(kurier) Erstellt am
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