Abdelhamid Abaaoud, 28,  der  Anführer der Paris-Attentäter

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Frankreich
02/05/2016

Zeugin verriet Paris-Attentäter: Auf der Flucht

Der Drahtzieher der Paris-Attentäter kam angeblich mit 90 Dschihadisten aus Syrien.

von Susanne Bobek

Am 15. November, zwei Tage nach den Attentaten von Paris, hat eine junge Frau die französischen Behörden verständigt und das Versteck der Terroristen in Aubervilliers, einem Vorort von Paris, verraten. Nach der Attacke auf den Unterschlupf der Terroristen in Saint-Denis in Paris hatte es der Pariser Staatsanwalt bestätigt: Dank eines "wichtigen Hinweises" habe man das Versteck entdeckt.

Am Donnerstag hat sich die unbekannte Frau, die vermutlich Mutter ist, über Radio Monte Carlo (RMC) gemeldet. Man nennt sie Sonia. Das ist natürlich nicht ihr richtiger Name. Mit verstellter Stimme klagte sie, dass sie sich vom Staat verlassen fühle und das Zeugenschutzprogramm als unzureichend empfinde. Die junge Frau fühlt sich alleingelassen. Sie ist auf der Flucht vor dem IS und muss um ihr Leben bangen, sie schläft in wechselnden Hotels und lebt unter einem neuen Namen. Unter Polizeischutz stehe sie nicht, sagt sie. Auch die psychologische Unterstützung habe man ihr nur versprochen.

Eine Wohnung hat sie inzwischen bekommen, aber weder einen Personalausweis noch eine Krankenversicherungskarte mit ihrer neuen Identität. So könne sie sich keine Arbeit suchen.

Sonia war die Freundin von Hasna Aitboulahcen, 26, einer Cousine des mutmaßlichen Chefs der Paris-Attentäter, Abdelhamid Abaaoud, 28, aus Molenbeek in Brüssel. Beide kamen bei der Erstürmung einer Wohnung am 18. November in St. Denis bei Paris ums Leben.

Als Hasna am 15. November einen Anruf von einem belgischen Handy bekommt, waren die Freundinnen zusammen. Sie müsse ihrem Cousin helfen, sagte Hasna und fuhr mit Sonia zu einem Versteck der Terroristen in einem Industrieviertel in Aubervilliers direkt an der Autobahn. Sonia begreift schnell, dass es sich um einen der Attentäter handeln muss.

Abaaoud habe neue Anschläge angekündigt und gesagt, er sei mit einer großen Gruppe Extremisten ohne Ausweise von Syrien nach Frankreich gekommen: Deutsche, Briten, Franzosen, Syrer, Iraker. "Wir waren 90 bei der Einreise. Wir sind überall in Paris und Umgebung", zitiert ihn Sonia. Von Hasna hätte sie auch erfahren, dass die Terroristen im Büroviertel La Defense im Westen von Paris ein Einkaufszentrum und einen Kindergarten angreifen wollten.

Da habe sie die Polizei angerufen. Das würde Sonia übrigens wieder tun: "Lieber lebe ich so, als mit dem Tod unschuldiger Menschen auf dem Gewissen", sagte sie Radio Monaco.

Scharfe Medienkritik

In Frankreich sorgt die Ausstrahlung des Interviews mit Sonia für scharfe Kritik. Es herrscht Ausnahmezustand. Unmittelbar nach Veröffentlichung hat die Staatsanwaltschaft eine Untersuchung wegen Gefährdung anderer eingeleitet. Der Innenminister sprach von "Geschwätz".