Chronik | Welt
23.03.2017

Der Staat bin ich

Ein Zitat von Ludwig XIV. erklärt bis heute die Abgehobenheit der französischen Elite.

Der französische Innenminister Bruno Le Roux musste zurücktreten, weil er seine Töchter als parlamentarische Mitarbeiterinnen beschäftigt hatte. Das Problem dabei: Die jungen Frauen hatten zu den Zeiten, in denen sie im Parlament gearbeitet haben sollen, ganztägig Schule oder nachweisbare Praktika. Der französische Präsidentschaftskandidat François Fillon ist da aus anderem Holz geschnitzt. Obwohl die Scheinbeschäftigung seiner Frau und die von zwei seiner fünf Kinder längst ausgedehnte Ermittlungen der Staatsanwaltschaft ausgelöst hat, denkt der Schlossbesitzer nicht daran, seinen Traum vom Präsidentenamt auszuträumen, seine Schuld einzugestehen und sich damit noch halbwegs elegant aus der Affäre zu stehlen.

Monarchistische Züge

Fillon glaubt, wie viele andere aus der französischen Elite, dass ihm zusteht, was er sich nimmt. Diese Abgehobenheit der politischen Klasse hat in Frankreich monarchistische Züge.

Schon das Schloss Versailles war ein Machtinstrument des absoluten Herrschers Ludwig XIV., der 72 Jahre auf dem Thron blieb. Seine Hofgesellschaft aus hohen Adeligen umfasste 20.000 Menschen. Unwichtiges wurde wichtig, Adelige mussten immense Summen für Kleidung ausgeben. Dafür hatten sie keine Zeit mehr, sich um ihre Herrschaft in der Provinz zu kümmern – alle Macht dem Herrscher.

Selbst in der fünften Republik hat der Staatspräsident eine Machtfülle, die an die des Sonnenkönigs erinnert. Nicht einmal der US-Präsident kann das Parlament auflösen und Wahlen anordnen. Die Außen- und Sicherheitspolitik fällt traditionell in die Zuständigkeit des französischen Präsidenten, und als Oberbefehlshaber der Streitkräfte entscheidet er über den Einsatz von Atomwaffen. Solange er im Amt ist, genießt er Immunität.

Nur Chirac wurde verurteilt

Als einziger Präsident wurde bisher Jacques Chirac nach seiner Amtszeit zu zwei Jahren Haft auf Bewährung verurteilt. Er hatte in seiner Zeit als Pariser Bürgermeister 21 Parteimitarbeiter aus der Stadtkasse bezahlen lassen.

Sein Vorvorgänger Valéry Giscard d’ Estaing, der seine Ahnenreihe bis auf Richard Löwenherz zurückführt, hat sich noch vom zentralafrikanischen Diktator Bokassa Blutdiamanten schenken lassen. Damals, in den 1970er Jahren, war er aber nicht der einzige. Enthüllungen darüber wurden eiskalt ausgesessen. In Bezug auf Afrika kam die "Politik vor der Moral", so ein oft gebrauchtes Bonmot.

Giscard d’ Estaing verbrachte seine Jagdferien in Zentralafrika, sein Nachfolger Francois Mitterrand berief seinen Sohn Jean-Christophe zum persönlichen Gesandten in den ehemaligen afrikanischen Kolonien. In Afrika nannte man ihn "Papa m’a dit" (Mein Vater hat mir gesagt). Staats- und persönliche Interessen lassen sich manchmal eben nicht so leicht voneinander trennen. So konnte Mitterrand auch seine Freundin und uneheliche Tochter in einer Staatswohnung auf Staatskosten unterbringen, was zur damaligen Zeit niemanden aufregte.

Kandidat Fillon bewirbt sich offenbar einfach nur ein paar Jahre zu spät um das Präsidentenamt.

Alle waren auf der ENA

Das Besonders in der französischen Politik und Elite ist ja, dass sich jede Generation spätestens seit Studententagen gut kennt. Denn fast alle hohen Beamten und Politiker kommen aus der Kaderschmiede ENA. Diese Eliteuniversität wurde von Charles de Gaulle zur Reform der französischen Verwaltung gegründet – in Wahrheit produziert sie bis heute eine Art Vetternwirtschaft, egal ob Links oder Rechts.

Gegen Ex-Staatschef Nicolas Sarkozy läuft ein Korruptionsverfahren. Er soll der reichsten Frau Frankreichs, der L’Oreal-Erbin Liliane Bettencourt, illegale Parteispenden für die Regierungspartei UMP herausgelockt haben. Im Gegenzug wurde über ihre Steuerprobleme offenbar hinweggesehen. Ihre Vertrauten sollen 80 Millionen Euro in die Schweiz transferiert haben. Die betagte Dame wurde (erst) 2011 unter die Vormundschaft ihres ältesten Enkels gestellt. Friseur-PetitesseDer amtierende Präsident Hollande verbat sich die Kritik am Gehalt seines Friseurs, der monatlich 9895 Euro (Steuergeld) brutto kassierte: "Ich habe die Ausgaben des Élysée-Palastes um zehn Prozent gesenkt, mein Gehalt um 30 Prozent gesenkt, und man kommt mir damit?" Doch auf solche Petitessen reagieren viele Franzosen mittlerweile allergisch. Tolerant sind sie hingegen, was die Frauengeschichten ihres Führungspersonals angeht. Nur Dominique Strauss-Kahn konnte nicht um das Präsidentenamt kandidieren, weil ihm in einem New Yorker Hotel ein Zimmermädchen über den Weg lief. Der schlaue Ludwig XIV. ließ den hohen Adel in Versailles tändeln, in den Provinzen setzte er den niederen Adel ein und brachte Bürgerliche in Positionen, die für sie unerreichbar waren. Das Ergebnis: Alle Macht lag in den Händen des Sonnenkönigs. Er regierte 72 Jahre (1643 – 1715). Wenn sich Elizabeth II., Queen seit 1951, anstrengt, kann sie mit Ludwigs Rekord 2023 gleich ziehen.